Schilf

Juli Zeh entwirft in ihrem dritten Roman das Szenario eines Mordes. Der Roman wirkt aber so, als wollte er alles ganz unbedingt zugleich sein: spannend, gelehrt, poetisch, unterhaltend, gut erzählt, aber mit mindestens doppeltem Boden.

Juli Zeh gehört zweifellos zu jenen Autorinnen und Autoren, die bereits in jungen Jahren das Handwerk des Schreibens perfekt beherrschten. Man kann über ihre Fähigkeiten staunen, einen Plot zu konstruieren, der so absurd ist, dass man bei nüchterner Betrachtung eigentlich ärgerlich reagieren müsste.

Das zeichnet gute Kriminalgeschichten aber aus: Sie sind so gut konstruiert, dass man die Konstruktion ganz vergisst und gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit auch noch den abstrusesten Konstruktionen folgt oder sich ihnen lustvoll hingibt.

Was Juli Zeh außerdem auszeichnet, ist die Fähigkeit zur Zeichnung bestimmter Milieus: In "Schilf" stehen zwei Physiker im Mittelpunkt, die sich beim Studium in der deutschen Universitätsstadt Freiburg kennen lernen, die einander als Gleichgesinnte erkennen und fortan nicht mehr voneinander lassen können.

Zwei Physiker mit konträren Weltbildern

Oskar, genialer Forscher am berühmten Teilchenbeschleuniger CERN in Genf, ist die Karikatur eines berühmten Physikers; Juli Zeh stattet ihn mit allen Attributen aus, die das Klischeebild vom genialen, arroganten und seine Umwelt verachtenden Superforscher ausmachen: "Schickt die Dummen in den Krieg", lässt ihn Juli Zeh denken: "Noch fünfzig Jahre Frieden, und die Menschen in diesem Land sind auf das Niveau von Affen zurückgekehrt."

Sebastian, Oskars Freund und Antipode, ist die komplexere Figur. Er hat geheiratet und einen, natürlich auch schon hochintelligenten, Sohn, nebst einer wunderschönen, verständnisvollen und natürlich erfolgreichen Frau. Sebastian hat in Oskars Augen Verrat an der reinen Wissenschaft begangen, was sich im diametral verschiedenen Weltbild der beiden Physiker ausdrückt: Oskar ist Materialist und glaubt an die Empirie als einzig gültiges Erkenntnisverfahren. Folgerichtig lebt er allein in seiner einzigen Welt.

Sebastian hingegen vertritt die so genannte Mehr-Welten Theorie, er argumentiert für die Existenz vieler Paralleluniversen, was Juli Zeh auf den zentralen dramaturgischen Einfall brachte, der dann auch ausführlich ausgebreitet und kommentiert wird: nämlich dass etwas in einer Welt passiert sein kann und in einer anderen nicht, dass man mit kausalen Erklärungen für menschliches Verhalten an die Grenzen der Erkenntnis stößt, dass man in einer Welt jemanden umgebracht haben kann und in einer anderen nicht. Das ist dann der Knackpunkt des Ganzen.

Politisch hochbrisanter Fall

Es geschieht ein Mord: Ein Radfahrer, der Oberarzt an der Freiburger Uni-Klinik ist, an der mysteriöse Todesfälle sich ereignen, wird durch eine zugleich perfide und dilettantische Art und Weise zu Tode gebracht. Da muss ein Kommissar her, zunächst eine Kommissarin mit dem schönen Namen Rita Skura: Die ist so schräg gezeichnet, das ist wieder gut; ganz gemäß dem Motto von Juli Zehs Prolog, dass das Leben des Menschen eine "schräge Musik" sei.

Weil der Fall politisch hochbrisant ist, ist doch der Professor der besagten Uniklinik mit den Spitzen aus Justiz und Politik gut bekannt, muss noch ein zweiter Kommissar anrücken; ein genialer Sonderling aus Stuttgart mit dem Titel gebenden Namen Schilf: Der nun ist eine völlig skurrile, aber auch tragische Figur mit dem untrüglichen Instinkt für Täter und Motive. Aus der Auseinandersetzung der Kommissarin mit dem Oberkommissar entwickelt Juli Zeh sehr gute und auch witzige Szenen, bis auf den Schluss, der immer ein erzähltechnisches Problem darstellt. Juli Zeh entschließt sich zu einem finalen Furioso an Unwahrscheinlichkeiten, und tut des Guten auch hier zu viel.

Des Guten zu viel

Von Anbeginn an forciert Juli Zeh zu stark. Ihre sprachliche Gewandtheit verleitet sie immer wieder zu einer Sprache, die aus der guten Beschreibung ins schlechte Pathos und in den Kitsch kippt. Daran krankt dieser Roman wie schon seine Vorgänger. Regelmäßig gehen mit Juli Zeh die poetisch geschmückten edlen Metaphernpferde durch: Da tragen Laternen "Röcke aus Licht", ein Sommerabend riecht nach "einem Wind, der hoch am Himmel mit Schwalben jongliert", "Teller husten Curry auf die Tischdecke".

Der Roman wirkt so, als wollte er alles ganz unbedingt zugleich sein: spannend, gelehrt, poetisch, unterhaltend, gut erzählt, aber mit mindestens doppeltem Boden. Vielleicht ist es so, dass Juli Zeh die Gesetze der literarischen Erzählung zu perfekt erfüllen möchte, um wirklich gute Literatur zu schreiben. Und um wirklich gute Unterhaltungsliteratur zu sein, dafür ist der Roman mit zu starkem Willen zur Literarisierung geschrieben.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Juli Zeh, "Schilf", Schöffling Verlag , ISBN 978-3895614316