Das Roma-Ghetto von Sofia - Teil 2

Fakulteta

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Wir gehen jetzt ins Viertel Glaveva, sagt die Hebamme Fani Patschanova, die uns auf unserem Rundgang durch Fakulteta begleitet. Dort leben die Ärmsten der Armen! Tatsächlich erinnert Glaveva an Orte in der dritten Welt.

Hier gibt es keine gemauerten Häuser, nur mehr Wellblechhütten, verbunden durch schlammige Wege, mit tiefen Schlaglöchern, in denen noch das Wasser vom letzten Regen steht. Überall liegt Müll. Nach Fakulteta fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine Taxis, keine Müllabfuhr. Es stinkt.

Leben mit der Arbeitslosigkeit

Hier treffen wir Stefan, Vater von vier Kindern. Seine Biografie steht für viele hier: Er wurde in Fakulteta geboren, und hat die Siedlung nie verlassen. Seit drei Jahren ist er arbeitslos; zuvor hatte er Jobs in einer Glasfabrik und einer Reinigungsfirma. "Ich lebe von dem, was ich in Mülleimern finde, und ich verkaufe Altmetall", sagt Stefan. "Meine Frau arbeitet als Putzfrau in der Reinigungsfirma. Dort verdient sie 170 Lewa im Monat, also rund 80 Euro. Ich bekomme pro Tag etwa zwei Euro für das Altmetall."

Vererbte Armut
Weder seine Frau noch Stefan sind je zur Schule gegangen, und auch seine Kinder schickt er nicht zur Schule - er schäme sich, weil er kein Geld habe, Schule oder Kleidung für sie kaufen, erzählt er. Auch damit steht Stefan nicht alleine da: die Analphabetenrate in Fakulteta liegt bei 80 Prozent.

In der ganzen Siedlung gibt es eine einzige Schule. Der Unterricht ist nur auf Bulgarisch, doch viele Kinder sprechen nur Romanes, wenn sie eingeschult werden und fühlen sich daher hoffnungslos überfordert. Förderprogramme gibt es nicht. Entsprechend hoch ist die Drop-Out-Rate.

Denn es kommt noch ein Problem hinzu, erzählt Michau Georgiew: "Das bulgarische Bildungswesen ist sehr konservativ und seit Jahren unverändert. Die Lehrbücher sind völlig auf bulgarische Kinder abgestimmt; ein Romakind kann sich darin nicht sehen, es wird mit einer fremden Welt konfrontiert. Über Roma kommt in den Lehrbüchern nichts vor. Sie können daher nichts über sich selbst lernen."

Xenophobie nimmt zu

Roma und Sinti dürfen nach dem Gesetz selbstverständlich auch eine Regelschule, außerhalb von Fakulteta besuchen. Einige NGOs organisieren auch eigene Schulbusse, die die Kinder nach Sofia bringen. Doch auch der Besuch der Regelschulen wird den Kindern aus Fakulteta nicht leichtgemacht, erzählt die Ethnologin Anelia Kassabova: "Wenn es mehr als fünf Roma- oder Sinti-Kinder in einer Klasse gibt, ziehen die bulgarischen Eltern ihre Kinder ab".

Vor einem weißen, mit Stacheldrahtzaun umgebenen Gebäude macht Fani Patschanova halt - dem Gesundheitszentrum von Fakulteta. Bis vor drei Jahren hat sie als Hebamme hier gearbeitet, dann wurde ihr Posten gestrichen. Denn das Gesundheitszentrum war ein ausländisches Projekt, finanziert und initiiert von "Ärzte ohne Grenzen" und dem österreichischen Außenministerium.

2005 wurde die Polyklinik den lokalen Behörden übergeben, seither funktioniere hier nichts mehr so richtig, erzählt Fani Patschanova. Jetzt gibt es keine Fachärzte mehr, Gynäkologie und Müttervorbereitung wurden gestrichen, drei Praktische Ärzte ordinieren zu Geschäftszeiten. Ansonsten ist geschlossen.

30 Jahre lang hat Fani Patschanova als Hebamme gearbeitet, jetzt ist sie 58, und keines der Sofioter Krankenhäuser will sie haben. Meine Haut ist ihnen zu dunkel, sagt sie bitter. Die ablehnende bis offen feindselige Haltung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber Roma und Sinti zieht sich quer durch die Bevölkerung, und macht selbst vor manchen Intellektuellen nicht halt; geschürt von rechtsextremen politischen Parteien wie Ataka oder der Bulgarischen Volksunion und ihnen nahe stehenden oder zugehörigen Medien.

In den vergangenen 20 Jahren seit der Wende habe sich die Xenophobie kontinuierlich verschärft, konstatiert die Ethnologin Anelia Kassabova: "Auf einem unteren Niveau könne man leicht den Hass auf jemanden anderen richten, denn das kommt von oben, das sind Stimmungen, die durch Massenmedien und offizielle Institutionen getragen werden". So sind denn auch von Regierungspolitikern romafeindliche Vorurteile zu hören.

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Europajournal, Freitag, 16. November 2007, 18:20 Uhr

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