Halbe-halbe

1996 sollte die partnerschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit durch Gesetze im österreichischen Ehe- und Familienrecht festgelegt werden. Ist Geschlechterdemokratie eine Utopie, fragt Hildegard Steger-Mauerhofer in ihrem Buch "Halbe-halbe".

Im Dezember 1996 wird Österreich eher unsanft aus einem vorweihnachtliche Dämmerzustand geholt: Soeben hat die SPÖ-Frauenministerin Helga Konrad angekündigt, dass Männer künftig per Gesetz verpflichtet werden könnten, die Hälfte der Hausarbeit zu erledigen. Die Heftigkeit der öffentlichen Reaktionen auf diesen Vorschlag lässt erahnen, wie weh es manchen tun muss, eine liebgewonnene Geschlechterordnung aufzugeben.

Die Kampagne zum Vorschlag von Helga Konrad trug den Titel "Ganze Männer machen halbe-halbe" und währte nur sechs Wochen. Das reichte, um die Republik im Mark zu erschüttern. "Halbe-halbe" ließ kaum jemanden kalt. An den Stammtischen und in den Leserbriefen der "Kronen Zeitung" wurde Helga Konrad attackiert, ihr Vorstoß wurde lächerlich gemacht. Die bürgerlichen Blätter reagierten verhalten bis ablehnend auf die Kampagne.

Feuer am Dach

Nicht nur die Medien sahen Feuer am Dach der alten Geschlechterordnung, auch der Koalitionspartner ÖVP reagierte geradezu empört auf den Vorstoß der Ministerin. ÖVP-Nationalratsabgeordnete Rosemarie Bauer kommentierte damals sogar, dass es "manchen einfach nicht im Blut liege, sich am Haushalt zu beteiligen". Die FPÖ bezeichnete die Gleichstellungskampagne als "unverantwortliche Randgruppenpolitik".

Auch die Männer in der SPÖ unterstützten die Initiative nicht aktiv. Alles was er tun kann, sei, die Kampagne nicht öffentlich zu kritisieren, soll der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky zu seiner Parteikollegin Helga Konrad gesagt haben.

Hohe Wellen

Helga Konrad wollte gesetzlich festlegen, dass beide Ehepartner zu gleichen Teilen zuständig für Hausarbeit, Kinderbetreuung und die Pflege Angehöriger sein sollten. Und sie wollte den Frauen das Recht auf Scheidung einräumen, wenn ihre Ehemänner ihren Arbeitsanteil nicht erledigten. Bis dahin hatte nur er das Recht auf Scheidung, wenn sie nicht putzte.

"Halbe/halbe" schlug derart hohe Wellen, obwohl die Öffentlichkeit nur einen kleinen Teil der Kampagne zu sehen bekam: Es wurden lediglich ein paar TV-Spots ausgestrahlt. Helga Konrad hatte das Projekt, das sich vor allem an junge Männer richtete, eigentlich auf drei Jahre angelegt. Nach sechs Wochen aber kam mit dem Regierungswechsel und ihrer Abberufung als Frauenministerin das plötzliche Ende der Kampagne.

Seit 1999 Gesetz

Die von Konrad gestartete Gesetzesinitiative wurde schließlich in abgeschwächter Form im Jahr 1999 von ihrer Nachfolgerin Barbara Prammer umgesetzt. Seitdem enthält das Ehegesetz den "Auftrag" an die Ehepartner, bei der Gestaltung der Lebensgemeinschaft die Beiträge, wie es wörtlich heißt, "ausgewogen zu gestalten". Und: Seither kann es im Scheidungsfall prinzipiell als Verschulden des Mannes gewertet werden, wenn er sich nicht an Haushalt, Versorgungsarbeit oder Erziehung beteiligt. Die konkrete Auslegung des Gesetzesinhalts liegt am Scheidungsrichter oder der Scheidungsrichterin.

Gegen die Pläne von Helga Konrad im Jahr 1996 waren aber nicht nur viele Männer: Hildegard-Steger Mauerhofer sagt, dass sich auch viele Frauen gegen den Vorstoß der Frauenministerin stellten: "Verdrängt wird, dass die Frauen selber ihre Rolle, die Hausarbeit zu machen, auch internalisiert haben", was auch daher komme, dass die Frauen mehr über ihre Geschichte wissen müssten. "Sobald sie diese Geschichte sich selbst vergegenwärtigen, kommen sie zu mehr Bewusstsein und sie werden stärker ihr Leben in die Hand nehmen."

Geschlechterfrage ist Verteilungsfrage

Auf den knapp einhundert Seiten des Buches beschreibt die Autorin den politischen Prozess von der Gesetzesinitiative bis zur Gesetzwerdung im Jahr 1999. Auszüge aus Medienberichten, Parlamentsprotokollen und Mitschriften diverser Arbeitsgruppen geben Einblick, wie Öffentlichkeit und Parteien zu Helga Konrads Plänen standen.

Steger-Mauerhofers Analyse zeigt aber vor allem, was "Halbe-halbe" erreicht hat: Die Kampagne stellte klar, dass die Geschlechterfrage vor allem eine Verteilungsfrage ist und löste die Frauenpolitik aus dem schwammigen Komplex der "Familienpolitik" heraus. Sie erklärte etwas angeblich Privates, nämlich die Hausarbeit, zum immanent Politischen. Die Kampagne zeigte auch, dass gerechte Chancenverteilung auch gerechte Lastenverteilung heißt.

An der "Halbe-halbe"-Kampagne wurde deutlich, dass ernstgemeinte Gleichstellungspolitik zwangsläufig Konflikte und Auseinandersetzungen mit sich bringt. Die Reaktionen ließen erahnen, wie viel Kraft es braucht, um gewachsene Geschlechterstrukturen aufzubrechen. Die Kampagne und das nun vorliegende Buch sind in der Überzeugung entstanden, dass echte Gleichstellung nur möglich ist, wenn die gleichen Rechte für Männer und Frauen auch gesetzlich festgelegt sind. Willensbekundungen und mündliche Zugeständnisse reichen nicht, um tradierte Rollenmuster nachhaltig aufzubrechen. Daran hat sich auch in den letzten zehn Jahren nichts geändert.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Hildegard Steger-Mauerhofer, "Halbe-halbe. Utopie Geschlechterdemokratie?", Milena Verlag