Was wäre gewesen

Franz Schmidt - wieder steht die Biographie eines großen Umstrittenen im Zentrum des musikwissenschaftlichen Interesses. Die Franz-Schmidt-Gesellschaft widmet sich mit einem Symposium wieder einem Aspekt in Franz Schmidts Werk.

Merkwürdigkeit: Musikwissenschaftliche Forschung in Österreich ist vielfach ehrenamtlich. So ist es bei Korngold oder Ignaz Pleyel, auch im Falle Franz Schmidts ist es so.

Ehrenamtlichkeit schließt Professionalität nicht aus, im Gegenteil: Der Vorstand der Franz Schmidt Gesellschaft besteht aus Musikwissenschaftern und Musikwissenschafterinnen, die Franz-Schmidt-Gesellschaft hat ihren Sitz im Musikvereinsgebäude - also in dem Haus, wo Schmidt als Cellist und Mitglied der Wiener Philharmoniker seine Konzert spielt.

Unehelicher Sohn

Die Generalsekretärin der Franz-Schmidt-Gesellschaft, Carmen Ottner, über die familiären Verhältnisse des Komponisten: eine Geschichte, in der vierhändige Klaviermusik eine große Rolle spielt: "Man muss dazusagen: Man sollte nie fragen, was wäre gewesen, wenn, wir haben ja auch zahlreiche exilierte Schüler und Schülerinnen befragt, die uns die private Geschichte bestätigt haben, Franz Schmidt hat sich schon mit 20 in Ella Zwieback verliebt, die wollten heiraten. Er, der Student aus verarmtem Haus, der nur dank Stipendien studieren durfte. Sie, die Kaufhauserbin mit Unternehmen in der Kärntner Straße, ihre Eltern waren schwerreich und eine Ehe mit dem jungen Musiker kam nicht in Frage. Sie haben ja nicht ahnen können, was aus ihm wird. Sie wurde also verheiratet mit dem viel älteren Zirner, dem Vater ihrer ersten zwei Kinder. Der Enkel August Zirner hat mir das bestätigt. Sie wurde verkuppelt, aber sie hat weiterhin vierhändig mit Franz Schmidt gespielt. Und so kam es: ihr drittes Kind - und das hat ganz Wien gewusst - dass dieser Sohn von Franz Schmidt ist. Aber er selbst, der Ludwig, genannt Ludi, hat das nicht gewusst."

Gesellschaftliche Zwänge

Der Sohn erfuhr es erst im Exil, er hatte vorher in Franz Schmidt nur einen verehrten Lehrer und Freund des Hauses gesehen. Es wäre undenkbar gewesen, dass sich die reiche Kaufhauserbin aus bestem jüdischen Wiener Haus zum Vater ihres Kindes bekennt, er hätte sie - so ist Carmen Ottner überzeugt - mit dem Bekenntnis zu dem Sohn gesellschaftlich kompromittiert.

So war der nicht-jüdische Vater keine Erleichterung in der Verfolgung durch die Nazis. Ella Zirner-Zwieback floh und die Geschichte der Familie ging in den USA weiter. "Die Nazis haben ganz genau gewusst, dass Ellas Kind sein Sohn ist", sagt Carmen Ottner, die sich in den vergangenen Jahren mit dem Schicksal dieser Familie aber auch mit jenem der ins Exil geflohnen Schüler und Schülerinnen beschäftigt hat.

Kooperation mit Nazi-Regime

Franz Schmidt - eine Biografie, die in die Nazi Zeit hineinreicht, die Druck und Kooperation mit dem Nazi-Regime nicht wegweisen kann. In den vergangenen Symposien wurde dieser Punkt auch recherchiert, nach dem Symposium im Jahr 2004 entstand ein Band "Musik in Wien 1938 bis 1945", in dem das Musikleben der Institutionen von 38 bis 45 auf dem Prüfstand stand - also die Musikzeitschriften, die Musikwissenschaft an der Universität Wien, die Wiener Symphoniker in der NS-Zeit und die Reichshochschule für Musik. Die historisch recherchierenden Wissenschaften treten in eine Phase ein, die nicht mehr nur schwarz-weiß erkennt, sondern auch die Grautöne der Verstrickungen, Sympathien und Abhängigkeiten mit dem NS-Regime.

Carmen Ottner: "Bei der Publikation des Symposium-Bandes zur NS-Zeit habe ich nicht einmal zwei Drittel der zugesagten Publikationsförderungen bekommen. Zuerst waren alle vom Thema begeistert, aber dann wollte es keiner und keine fördern."

Klavierkonzert im Mittelpunkt

Seit Donnerstag und noch bis Samstag, den 1. Dezember, sprechen Musikwissenschafter und einige wenige Musikwissenschafterinnen über das Klavierkonzert: über seine Komponisten, Interpreten und Interpretinnen, über das Repertoire und auch über einen Produzenten, der ein Oeuvre hervorbachte: Paul Wittgenstein, der trotz seiner Behinderung, 20 Klavierkonzerte und Dutzende Perlen an Kammermusik in Auftrag gab.

Was bringt ein Symposium, drei Tage wissenschaftliches Gespräch, in Zeiten des permanenten Austausches im Internet? Carmen Ottner: "Wer sich die Zeit nimmt, wird von der direkten Konfrontation mit den Wissenschaftern und Wissenschafterinnen viel Gewinn ziehen; wir haben immer sehr lange und sehr lebhafte Diskussionen, die wir auch ins Buch aufnehmen."

Vorträge zu Hindemith und Korngold

Nehmen Sie sich Zeit: Freitagnachmittag gibt es beim 8. Internationalen Franz Schmidt Symposium Vorträge zu Schönbergs Klavierkonzert, zu jenem von Joseph Marx und zum Verhältnis Franz Schmidts zu Paul Wittgenstein. Samstagvormittag zu Paul Hindemith und Erich Wolfgang Korngold, der für Paul Wittgenstein auch eine wunderbare Suite komponierte.

Buch-Tipps
XV. Bd. der "Studien zu Franz Schmidt", hg. von Carmen Ottner, "Musik in Wien: 1938 -1945", Verlag Doblinger

Irene Suchy, Allan Janik, Georg Predota (Hg.): "Empty Sleeve - der Musiker und Mäzen Paul Wittgenstein", Edition Brenner-Forum, Band 3

Veranstaltungs-Tipp
8. Internationales Franz Schmidt-Symposion, "Das Klavierkonzert in Österreich und Deutschland von 1900-1945", Donnerstag, 29. November bis Samstag, 1. Dezember 2007 in den Räumen der "Österreichischen Gesellschaft für Musik" A-1010 Wien, Hanuschgasse 3 / 3. Stock

Link
Franz-Schmidt-Gesellschaft