Anonymer halber Briefroman

Das Dingsbums des Buches

Großes Rätselraten in den Redaktionsstuben: Wie heißt das Buch, welches ich vor vielen hundert Jahren gelesen habe? Rechercheauftrag an Praktikantinnen, Audienz bei Literaturpäpsten und -päpstinnen - nichts hilft. Vielleicht kennen Sie ja dieses Buch?

Es gibt Bücher, deren Titel ich vergessen habe. In einem ging es um zwei Menschen, dann um drei und schließlich um vier, eigentlich aber nur um einen, glaube ich. Am Anfang stand ein sehr schöner Satz. Er lautete: "Frank schrieb Anna zu viele Briefe." Zunächst war das mit den Briefen noch für alle Beteiligten in Ordnung. Dann meinte Frank an irgendeiner unbedeutenden Geste Annas zu erkennen, dass seine Briefe ihr auf die Nerven gingen. Und auf die Nerven gehen wollte er ihr nicht, denn er war ganz eigenartig in sie verliebt.

Da er nicht aufhören konnte, Briefe zu schreiben, schrieb er weiterhin Briefe, schickte sie aber nicht ab. Anna fand das irgendwie gut, dass nun keine Briefe mehr kamen, aber auch irgendwie schlecht. Sie schrieb ihm einen Brief, in welchem sie fragte, warum er keine Briefe mehr schrieb, schickte diesen aber nicht ab. Es ging drunter und drüber mit nicht abgeschickten Briefen. Ich glaube, das Wort Brief fand sich auch im Titel wieder, denke aber bei mir: "Du beschwörest eine Wahrscheinlichkeit, behauptetest du, was du eben sagtest."

Es tauchte dann jemand auf, der Anna einen einzigen Brief schrieb. Dieser Brief muss sehr hübsch gewesen sein, denn zwischen Anna und Frank drohte alles zu verfliegen, so könnte man das sagen. Das Schöne an dem Buch: Das letzte Drittel bestand nur aus Briefen, nämlich aus jenen, die Frank nicht abgeschickt hatte und nun noch einmal las mit dem Ziel, herauszufinden, wie alles gekommen war, zugegeben ein sehr törichtes Ziel. Offenes Ende, wenn ich mich recht erinnere. Nein, es kam dann noch eine Frau ins Spiel, deren Rolle bis zuletzt jedoch unklar blieb, jedenfalls mir.

Könnte auch sein, dass ich das Buch nicht bis zum Ende gelesen habe. Und jetzt ist dieses Buch Asche, weil es mit dem Haus verbrannte, in welchem auch ich verbrennen hätte sollen, wäre es mir rechten Dingen zugegangen, aber ich Naturgesetzesbrecher musste ja aufwachen und überleben. Gemein, das mit dem Buch. Klar, man könnte darüber diskutieren, ob die Formulierung "jetzt ist dieses Buch Asche" zulässig ist, schließlich handelt es sich bei dem, was jetzt Asche ist, bloß um die sterblichen Überreste des Buchs. Das Buch selbst, das Selbst des Buchs, das Dingsbums ist ja vielleicht gar nicht mit verbrannt.

Schade, dass ich ein Agnostiker bin. Sonst könnte ich mir jetzt ein paar Gedanken machen und bald zu der Einsicht kommen, dass das Buch unsterblich ist, Jesus auf dem Wasser herumlief, Schneewittchen noch lebt und Mohammed gar kein Stofftier ist.

Da ich so gerne wieder einmal ein Buch empfehlen würde, das oben beschriebene aber einen Titel hat, der mir entfallen ist, wie übrigens auch der Name des Autors, muss ich zu härteren Maßnahmen greifen und etwas über ein Buch sagen, welches ich gerade lese, gerade heißt seit vorgestern, ich kann nicht so schnell lesen, ich muss viel arbeiten. Das Buch hat den bescheuerten Titel "Gefährliche Geliebte", jeder kennt es, nur ich kannte es bis vorgestern nicht, und so wusste ich auch nicht, dass Herr Murakami ausgesprochen schön über Verliebte schreiben kann, immer einen kleinen Schritt in die Vorhölle des Kitsches macht, sich aber gleich wieder bei der Stupsnase nimmt, um etwa zu schreiben: "Sein Griff war eher der einer Maschine als der eines Menschen: vollkommen gleichmäßig, ohne die geringste Schwankung in seinem Druck."

Leider habe ich auf Seite 68 den dritten Grammatikfehler gefunden. Ich hätte gerne weiter gelesen.