Beim Türken

Dasda

Unten am Eck ist ein türkisches Lebensmittelgeschäft. Dort kaufen Türken Lebensmittel. Und Nicht-Türken auch. Man könnte den ganzen lieben langen Tag in diesem Geschäft verbringen, ohne sich eine Minute zu langweilen. Dieses Theater ist beinahe gratis.

Ich ging zum Türken, um türkisches Brot zu kaufen und türkischen Käse, denn ich hatte zu dieser späten Abendstunde nicht viel Geld bei mir und der Türke hat günstige Lebensmittel.

Der Verkäufer sieht lustig aus, er hat eine Frisur, die man als Komödiant hat, vielleicht ist er ein türkischer Komödiant, dachte ich, der sich dreimal die Woche im Geschäft seines Onkels verdingt, weil der Komödiantenjob hart ist, weil die anderen Menschen türkischer Herkunft vielleicht mit Komödiantischem nicht so viel am Hut haben, aber wahrscheinlich war er überhaupt kein Komödiant, sondern ein stinknormaler Lebensmittelverkäufer im Geschäft seines Onkels, ohne künstlerische Berufung, ohne von der Schmach, vor leeren Rängen zu stehen, je gehört zu haben, wahrscheinlich war seine Clownfrisur einfach die seine, sein Aussehen, das war er. Wie die junge Dame, die vor mir in der Reihe stand, gleich nach dem jungen Herren, der eben ein Stück türkischer Süßware an sich genommen hatte, diese sogleich verzehrte, dem Verkäufer einen 50-Euro-Schein reichte und den letzten Bissen nahm, während der Arme hinter der Theke Kleingeld aus der Kasse kratzte und Scheine aus der Hose zog.

Die junge Dame, der ich nun meine Aufmerksamkeit widmete, war ungefähr zwei Meter groß, sie hatte einen großen Kopf, breite Schultern, war, bei objektiver Betrachtung, räumlich gut verteilt, aber sie war nicht dick, hatte allein durch ihre körperliche Größe natürlich Brüste, die mich schaudern machten, Hände, in denen ich schlafen könnte, und eine Nase, die gut dreimal so groß war wie die meine, und die meine ist bereits nicht sehr klein, mit der ihren könnte man segeln, mit der meinen nur ein Faltboot. Sie bestellte "das da, ist das mit Käse?" und "das da, ist das mit Kümmel?", dann ging sie zum Kühlschrank und suchte verbissen nach einem Dasda, bis der Clown sich ihrer erbarmte und sie fragte, ob es noch etwas sein dürfe, sie meinte, es gäbe "so ein türkisches Trinkjoghurt", machte dabei zwei bis fünf Mal mit der Hand eine Trinkbewegung, wiederholte, diesmal in einem Deutsch, das wohl auch der türkische Verkäufer gut verstand: "eine Trinkjoghurt", der türkische Verkäufer wusste natürlich längst, was sie wollte, ließ sie aber ihre Pantomime wiederholen und wies sie dann auf jene Päckchen hin, welche den halben vor ihren Augen befindlichen Kühlschrank füllten und mit Ayran beschriftet waren.

Die blonde junge Dame nahm mit beunruhigten Fingern eines davon heraus, tänzelte zurück zur Theke, das tat sie in einer Weise, die schwer in Worte zu fassen ist, vielleicht wie ein antarktischer Vogel vor dem Absprung, bloß welcher Vogel und welcher Absprung?, und ich konnte ihren Blick sehen, er war starr auf die Waren gerichtet, die sie zu kaufen beabsichtigt hatte und die ihr jetzt wieder so fremd vorzukommen schienen, der Blick war ungläubig und auch resigniert, dabei sehr interessiert und in keiner Weise bestimmt, er war offen, und die junge Dame war, so etwas sehe ich, keine Drogistin, ihr Blick war ganz einfach der ihre, ein Blick, für den es noch Wunder gibt. Und dann kam ich an die Reihe.

Das war's.