Von der Karosserie bis zum Blinker

Ohne Design geht nichts

Ungefähr 600 Millionen PKW fahren auf der Erde. Diese Zahl könnte sich durch die wirtschaftliche Entwicklung in Asien verdoppeln. Welche Autos die Menschen der aufstrebenden Nationen kaufen werden, hängt nicht zuletzt vom Design der Fahrzeuge ab.

In den Hallen wird der Ausstellungswagen mit liebevollem, intensivem Eifer besichtigt. Es ist die große Phase der tastenden Entdeckung, der Augenblick, da das wunderbare Visuelle den prüfenden Ansturm des Tastsinns erleidet. Denn der Tastsinn ist unter allen Sinnen der am stärksten entmystifizierende, im Gegenteil zum Gesichtssinn, der der magischste ist: das Blech, die Verbindungsstellen werden berührt, die Polster befühlt, die Sitze ausprobiert, die Türen werden gestreichelt, die Lehnen beklopft.

Die DS 19 hat 1955 den Schriftsteller Roland Barthes in den Bann gezogen, so wie Tausende seiner Landsleute auch. Die DS war Flaminio Bertonis Meisterstück. Ihre Form war revolutionär, gepaart mit fortschrittlichster Technik.

Große Logos

Gut fünf Jahrzehnte sind seit dieser Sternstunde des Autodesigns vergangen. Wo steht das Autodesign heute? Auf der Autoschau in Wien werden die neuen Modelle vorgeführt. Oft hilft nur der Blick auf den Kühler, am Logo kann man ablesen, um welche Marke es sich hier handelt. Die Faustformel lautet: Je uniformer die Gestalt, desto größer das Wappen auf dem Kühler.

Das habe damit zu tun, meint Autorevue-Redakteurin Susanne Hofbauer, dass sich auf der Autobahn bei einem kurzen Blick in den Rückspiegel ein "klares und konkretes Bild von dem Auto einprägen" soll.

Einschränkende Rahmenbedingungen

"Es wird immer mehr Design gebraucht, um eine Differenzierung in der Form zu haben", meint Architekt Ulrich von Mende, der die Entwicklungen im Autodesign mit Argusblick beobachtet, "weil die Technik zwar noch nicht ausgereizt ist, aber einen Standard erreicht hat, wo sie das Auto nicht alleine über die Technik zum Kunden bringt sondern ganz speziell auch über die Form."

Dabei wird der Gestaltungsspielraum von gesetzlichen Rahmenbedingungen und Normen zunehmend eingeschränkt: Stoßfänger, die Lufteinlässe, die Aerodynamik, die Scheinwerfer sind nur einige Teile, die gesetzlichen Normen unterworfen sind. Die große Kunst sei, so von Mende, "etwas zu entwickeln, was eine gewisse Hauslinie oder den Charakter eines Hauses ausmacht."

Aktuellstes Beispiel für strengere Normen ist der Schutz für Fußgänger: Die Motorhaube muss wie ein Airbag Energie absorbieren. Die Folge: Die Motorhauben aller Hersteller werden bauchig dick.

Windkanalgetestete Stromlinienform

Der Trend zur Gleichförmigkeit begann ursprünglich im Windkanal. Die Stromlinienform duldete nur wenige Abweichungen von der Norm der Windschlüpfigkeit. Doch nicht nur der Windkanal setzte Limits, die Ölkrise führte dazu, dass das Auto mehr als Gebrauchs- denn als Imagegerät betrachtet wurde.

Diese aus Sicht der Experten dunkle Ära des Autodesigns hatte im Vergleich zu heute einen Vorzug: Der Charakter des Autos war damals zwar nüchtern, die Identität war stets ablesbar. Wo zum Beispiel heute einzig der diagonale Streifen am Kühlergrill die Marke Volvo kommuniziert, war der alte Volvo-Kombi mit seiner Kastenform unverkennbar.

Retrolook voll im Trend

Noch prägnanter ist das Erscheinungsbild der sogenannten Youngtimer. Das sind Automodelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden und heute Kultstatus besitzen. Die Hersteller liefern Neuauflagen der beliebten Klassiker. Die technische Ausstattung hat mit dem Original nichts mehr gemein.

Retrodesign ist weniger eine Designaufgabe als eine Marketingstrategie. Die Auffälligkeit im Straßenbild positioniert die Marke und bringt Aufmerksamkeit und im besten Falle Emotionen. Das Design von Retroautos ist durchwegs sympathisch.

Wie klingt ein Motor?

Die Hersteller wollen uns zum Kauf verführen, mit fast allen Sinnen. Vier unserer fünf Sinne werden vom Design eines Autos aktiviert. Wir sehen die Form, riechen den Kunststoff oder auch das Leder, fühlen die Materialien und hören in erster Linie den Motor. Gesetzliche Normen bilden die Vorgaben für den Geräuschpegel, denn ein Motor ist primär kein Klangkörper, sondern eine Lärmquelle.

Nicht nur der Motorklang, auch die Türgeräusche sind wichtig, und diese können mit verschiedenen Hilfsmitteln geregelt werden, sodass die einzelnen Autotypen ihren typischen Klang bekommen.

Gleich, wie teuer ein Auto ist, ein Geräusch im Innenraum muss immer hörbar sein: der Blinker. Das Klicken darf weder penetrant laut sein, noch zu leise. Das Geräusch muss mehr oder wenig das Signal geben, "jetzt mach doch mal endlich wieder den Blinker weg, weil du schon seit 500 Metern wieder geradeaus fährst."

Hör-Tipp
Diagonal, Samstag, 9. Februar 2008, 17:05 Uhr

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