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Gedanken
Fußball als Politik der Gefühle
Der Politikwissenschafter Peter Filzmaier über seine Fußballleidenschaft.
1. Juni 2026, 11:30
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07 06 2026 Gedanken
Spricht Peter Filzmaier über Fußball, dreht sich das Gespräch nur vordergründig um das runde Leder. Vielmehr geht es um Emotionen, Gemeinschaft, Macht, Medien und Identität. Der 58-jährige Politikwissenschafter, Professor an den Universitäten Krems und Graz sowie Leiter des Instituts für Strategieanalysen in Wien, ist einer der bekanntesten politischen Erklärer Österreichs. Zugleich ist er Sportfan aus Überzeugung - und bekennender Fußballaficionado.
Statt Feuerwehrmann war mein Traumberuf Sportreporter
Dass Sport für Peter Filzmaier mehr ist als Freizeit, zeigt schon seine akademische Biografie: Seine Doktorarbeit widmete er den politischen Aspekten der Olympischen Spiele. Auf seinem Sportblog atemlos.at klingt das weniger akademisch, dafür sehr persönlich: "Ich wollte als kleiner Bub nie Grisu, der kleine Drache, werden. Statt Feuerwehrmann war mein Traumberuf Sportreporter. Oder wenigstens hauptberuflicher Sportfan."
Schlüsselmoment 1983
Der Grundstein für seine Fußballbegeisterung wurde früh gelegt, im Stadion als kleiner Bub mit seinen Eltern. "Austria Wien spielte gegen irgendjemanden im alten, großen Praterstadion vor wenigen Zusehern", erzählt er, "das hat mich weniger beeindruckt, viel wichtiger waren die Europacup-Jahre in den späten 1970er und -80er Jahren, als Austria und Rapid bis ins Europacup-Finale kamen." Ein Schlüsselmoment folgte 1983: "Ich sah im Fernsehen, wie die kleine Austria den FC Barcelona aus dem Cup warf. Nicht irgendein Barça, sondern eine Mannschaft mit Diego Maradona und Bernd Schuster." Ausgerechnet dieser Triumph über Barcelona begründete später auch seine Liebe zur Fußballnation Spanien, "danach wurde ich mit Zeitzündung sowohl Österreich- als auch Spanienfan."
Die Fußball-WM 2026 ist undemokratischer denn je
Die diesjährige Fußball-WM in Kanada, Mexiko und den USA ist für Filzmaier das größte emotionale Gemeinschaftserlebnis der Gegenwart. Das neue Format, drei Gastgeberländer, globale Vermarktung, politische Kulissen - all das macht das Turnier zu mehr als einem sportlichen Wettbewerb. Es wird zur Bühne, auf der erzählt, gelenkt und überblendet wird. Wer bestimmt die Bilder? Welche Konflikte werden sichtbar? Welche verschwinden hinter Torjubel, Hymnen und Fernsehdramaturgie? Politisch sieht Peter Filzmaier die 23. Austragung des FIFA World Cup kritisch.
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Zwischen Leidenschaft und Polarisierung
"Es ist unglaublich traurig, dass man das nach Weltmeisterschaften in den Diktaturen Russland 2018 und Katar 2022 sagen muss, aber die Fußball-WM 2026 wird politisch mehr missbraucht und ist undemokratischer denn je." Verantwortlich macht er nicht nur geopolitische Umstände. Es liege an Donald Trump und am Iran-Krieg, sagt er, "aber auch an der FIFA, deren Präsident Gianni Infantino sich dem Möchtegern-Diktator Trump bis hin zu einem obskuren Friedenspreis für ihn anbiedert".
Fußball kann verbinden, aber auch spalten. Es ist ein schmaler Grat zwischen Leidenschaft und problematischer Polarisierung - oder, um es mit den Worten des Autors Romain Gary zu sagen: "Patriotismus ist Liebe zu den Seinen, Nationalismus ist Hass auf die anderen." Fans bewegen sich oft zwischen beiden Polen.
Peter Filzmaiers sportlicher Tipp für 2026 ist objektiv nüchtern, sein Herz schlägt emotional, "einen Überraschungsweltmeister kann ich mir nicht vorstellen. Vom Kader her ist wahrscheinlich Frankreich der Favorit, doch mein Herz sagt neben Österreich wieder Spanien."
Gestaltung
- Gerhard Hafner
