Warum wurden die Stanislaws erschossen?

Martin Pollack war elf Jahre lang Redakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Seit 1998 widmet sich Pollack seinen literarisch-journalistischen Texten, die in Österreich Besteller sind. Sein neuer Reportage-Band ist das Buch der Woche.

Auf den ersten Blick scheinen die Texte in Martin Pollacks neuem Buch "Warum wurden die Stanislaws erschossen?" nicht viel gemeinsam zu haben. Er schreibt über die Anfänge der slowenischen Industrial-Band "Laibach" ebenso wie über die verschwundenen Juden von Prokurava; über den "österreichischen Weg" im Umgang mit Minderheiten ebenso wie über den "Campingbett-Kapitalismus" an der polnisch-litauischen Grenze.

"Es ist ein bisschen der Versuch, fast autobiografisch meine eigene Entwicklung nachzuzeichnen", so Pollack, "die Entwicklung meines Interesses für Osteuropa und ein bisschen den Veränderungen, die in diesem Raum in dieser Zeit stattgefunden haben, nachzuspüren."

Einreise nach Polen verweigert

Für ihn habe der Zusammenbruch des kommunistischen Osteuropa am 18. August 1980 begonnen, schreibt Martin Pollack im Vorwort seines Buches. Denn an diesem Tag wurde dem damals noch unbekannten Journalisten die Einreise nach Polen verweigert. Doch die bislang so arroganten Zollbeamten waren hochgradig nervös.

"So hatte ich die Vertreter des kommunistischen Regimes noch nie erlebt", schreibt Pollack. "weder in Polen noch anderswo, bislang waren sie mir immer ruhig und überlegen gegenüber getreten, kalt und unnahbar, nun wirkten sie mit einem Mal aufgeregt, hysterisch, ängstlich beinahe."

Die Mühen der Ebene
"Gerade diese Aufbruchzeit, das war etwas völlig anderes als heute", erzählt Pollack. "In weiten Teilen - das gilt nicht so ganz für die Ukraine, aber für Polen gilt das, für Slowenien sowieso - haben die Mühen der Ebene begonnen. Es ist in dem Sinn uninteressanter geworden. Es war vor 20 Jahren spannender, würde ich meinen."

Der Text, der dem Sammelband den Namen gibt - "Warum wurden die beiden Stanislaws erschossen" - handelt von zwei polnischen Fremdarbeitern, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen erschossen wurden.

Was hat ihn gerade am Schicksal dieser zwei Menschen interessiert? "Die liegen begraben in dem Ort, wo ich wohne - in Bocksdorf im Südburgenland. Und nachdem ich mich mein ganzes berufliches Leben mit Polen beschäftige, war es mehr als ein Zufall, dass ich dort auf das Grab der beiden Polen gestoßen bin. Dann habe ich mich interessiert, ohne dabei wirklich zu einem befriedigenden Ende zu kommen."

Fotos gefunden
Am Ende seiner Recherche ist Martin Pollack einer Lösung nicht näher gekommen. Er hat Fotos der beiden Stanislaws gefunden, mit Nachbarn und Verwandten gesprochen. Am Schluss heißt es auf die Frage nach dem Warum jedoch lapidar: "Keiner wusste eine Antwort". Wie so viele von Martin Pollacks Reportagen widerspricht auch diese der herkömmlichen journalistischen Dramaturgie.

"Ich glaube, dass sehr oft offene Geschichten sehr viel erzählen und dass sie zumindest genauso eine Berechtigung haben wie wenn man dem Leser die Lösung anbietet", betont Pollack.

Wunderbarer Opa war ein Nazi
Mein Großvater war wunderbar. Solange ich zurückdenken kann, war er stets gut zu mir, voller Liebe und Verständnis"

So beginnt der Text "Unheimliche Normalität". Darin berichtet Martin Pollack über seinen Großvater. Dieser war nicht nur ein wunderbarer Opa, sondern auch ein Nazi. Einer jener, der sich keiner Schuld bewusst war und sich nach Ende des Krieges als Opfer sah. Man kann diese Reportage als Fortsetzung von Pollacks Bestseller "Der Tote im Bunker" sehen. In diesem Buch zeichnete Martin Pollack das Leben seines Vaters, des SS-Obersturmbannführers Gerhard Bast, nach.

"Das ist einfach so. Wenn sie in so eine Familie hineingeboren werden und mit dieser Geschichte aufgewachsen sind, dann ist es wahnsinnig schwer, da wieder heraus zu finden", bekennt Pollack. "Es ist nicht so, dass, wenn man dieses eine Buch geschrieben hat, dass man dann den Deckel zumacht und sagt: Die Geschichte ist für mich gegessen. Diese Vergangenheit, um die es mir geht, lässt mich sicherlich bis zu meinem Tod nicht los - leider.

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Kulturjournal, Freitag, 22. Februar 2008, 16:30 Uhr

Ex libris, Sonntag, 24. Februar 2008, 18:15 Uhr

Link
Zsolnay Verlag - Warum wurden die Stanislaws erschossen?