Paloma

Als Postkartenaktion für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" hat es begonnen: "Paloma" ist die Summe von 99 Briefen, die Friederike Mayröcker als eine Art innere Öffnung beschreibt und die nun gesammelt als Buch erschienen sind.

Paloma, das ist hier, in Friederike Mayröckers neuem Buch, vielleicht auch der Name für die Taube, die den Verkehr der Briefe regelt, jener, die ankommen und solcher, die verschwinden, wer weiß wo. Mit den Worten "lieber Freund" werden alle datierten Abschnitte dieses Buches eingeleitet, und dieser "liebe Freund" könnte jemand sein, der abwesend ist und unbenannt bleibt, aber auch wir, die wir dieses Buch lesen und darin verfolgen, wie eine Schreibende ihre Lebensspuren ausbreitet und sich erinnert.

Erinnerungsblitze

Freilich wird nicht chronologisch erinnert, wie auch, vielmehr, um ein Bild aus einem älteren Text der Autorin zu zitieren, wie in Blitzen. Diese Erinnerungsblitze sind die Fäden, mit denen die einzelnen Kapitel verbunden werden. Es ist als ob sie jemanden herbeizögen, der fehlt, aber im Fehlen noch ganz gegenwärtig und also immer einer, mit dem sich sprechen lässt. In "Paloma" heißt diese Figur ER. Vielleicht artikuliert sich im Verzicht auf die Nennung des Namens ein großer Respekt vor der Zuneigung zu diesem Abwesenden, der die Briefe wohl hoffentlich auf irgendeine Weise schon empfangen wird. Jedenfalls scheint das Schreiben derselben ein Akt gegen das Vergessen zu sein, ein Akt für das Leben, für das Leben, das schon gezeichnet ist, aber sich immer noch weiter zeichnen lässt.

Vieles von dem, was von diesem ER erzählt wird, wäre schön zu zitieren. Die folgenden Zeilen sind es besonders, vielleicht, weil man sie, um es ein wenig frech zu sagen, den Psychologen gern ins Notizbuch schreiben möchte, auf die erste Seite: "ER sagte am 16. August 1988, eine Phase von Depression könne ER definieren als sehr starkes Verlangen nach etwas, von dem er nicht weisz, was es sei"... Wer so Depression zu beschreiben versucht, nimmt ihr das Krankhafte und gibt ihr stattdessen ein schönes Potenzial zurück, einen Wunsch nach Tiefe und Gestaltung.

Vielleicht kommt auch vieles von dem, was das schreibende Ich in "Paloma" sieht, denkt und zu kleinen Mosaiken fügt, aus ebendiesem Wunsch.

Alles ist poetisierungswürdig

Neben der Erinnerungsspur an den Abwesenden sind es Traumsequenzen, Briefpartikel, kurze Szenen aus Begegnungen, die durch die Briefe geistern - und viel Alltägliches, viel von dem, was das krude Dasein eben auch ausmacht, und immer in einem Stil, der die Trennungen zwischen verschiedenen Bereichen des Lebens bis in den Satzbau hinein hinterfragt. In diesen Sätzen greift eines ins andere; es gibt kaum etwas, das nicht in irgendeiner Weise der Poetisierung würdig wäre.

Manchmal ist man beim Lesen darüber erstaunt, vielleicht auch befremdet, wie viele Namen realer Lebender an diesem Buch scheinbar mitschreiben, und wie hier die Grenze von Leben und Schreiben missachtet und verwischt wird. Vielleicht ist aber auch diese Art der Missachtung und Verwischung als pures Spiel mit der Wirklichkeit zu lesen, denn nachprüfen lässt sich - und das ist gut so - ja nicht, ob die hier eingeführten Namen auch mit dem Ereignis übereinstimmen, das ihnen sozusagen "angedichtet" wird.

Voller Zärtlichkeit

Das in diesen 197 Seiten vermittelte Leben ist zugleich gefährdet und freudvoll, es spricht sich ein starkes Drängen in ihm aus, eine Verweigerung, das geliebte Schreiben sein zu lassen. Wie auch, wenn es das Leben ist oder der Ort für alles, was ein Leben durchzieht und durchkreuzt? "Paloma" ist, wie viele der Bücher von Friederike Mayröcker, ein Buch voller Zärtlichkeit, hie und da sehr keck, und manchmal spricht sich jene Naivität in ihm aus, für die es sich immer wieder zu öffnen lohnt, wenn man noch etwas erleben und erkennen will beim Lesen, Denken und Schreiben.

Einmal heißt es: "Ich suche nach Erklärungen, wie man leben soll, finde keine." Schön, wenn sich nicht einmal durch die Hintertür solche Erklärungen in den Text schleichen und gerade deshalb die Frage danach, was Leben sein kann, umso dringender anklingt.

Mehr dazu in oe1.ORF.at

"Das Buch der Woche" ist eine Aktion von Ö1 und Die Presse.

Hör-Tipps
Kulturjournal, Freitag, 29. Februar 2008, 16:30 Uhr

Ex libris, Sonntag, 2. März 2008, 18:15 Uhr

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Buch-Tipp
Friederike Mayröcker, "Paloma", Suhrkamp Verlag