Dokumentarfilm in Österreich
Der Realität auf der Spur
"Darwin's Nightmare" und "We Feed The World" gehören zu den international erfolgreichsten österreichischen Filmen der vergangenen Jahre. Beide sind Dokumentarfilme, also Filme in denen versucht wird, die Realität abzubilden.
8. April 2017, 21:58
Von der Ferne sieht man eine rauchende Dampflokomotive. Rasch kommt sie näher. Als sie nur noch wenige Meter, von der Station entfernt ist, springen die Menschen von ihren Sesseln auf und stürmen aus dem Kinosaal. Berichtet wird dieser Vorfall von einer der ersten Kinovorführungen in Paris.
"Für die Besucher was das Medium damals noch so neu, dass sie Fiktion und Realität verwechselt haben. In gewisser Weise ist das auch heute noch der Fall. Computeranimationen und Spezialeffekte tragen dazu bei, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen," meint der Direktor des Österreichischen Filmmuseums Alexander Horvath. Ein ähnliches Abgrenzungsproblem gibt es auch im Bereich des Dokumentarfilmes.
Semidokumentarische Filme
Vor allem der österreichische Doku-Film hat in den vergangen Jahren eine internationale Vorreiterrolle gespielt. In Produktionen wie die von Ulrich Seidel gedrehten Streifen "Models", "Import-Export" oder "Hundstage" ist nicht klar, ob es sich um Dokus oder um Spielfilme handelt.
"Der im Jahr 2001 mit dem Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichneten Streifen 'Hundstage' ist ein Spielfilm. Allerdings hat er extrem dokumentarische Züge. Nicht zuletzt auch deshalb, weil darin viele Laiendarsteller mitspielen. Nach ganz ähnlichen Prinzipien wurde, einige Jahre zuvor, hat er 'Models' gedreht. Bei diesem Film handelt es sich aber, laut Definition, um einen Dokumentarfilm", sagt Alexander Horvath.
Am nächsten Tag im Kino
In Österreich wurden die ersten Dokumentarfilme im Jahr 1896 gedreht. Sie zeigen Straßenszenen in Wien. Aufgenommen wurden die Streifen von den Erfindern der "laufenden Bilder", den französischen Brüdern Lumière. Die Produktionszeit der jeweils rund eine Minute langen Filme betrug in der Regel nur einen einzigen Tag.
Mehr als 100 Jahre später boomt der Österreichische Dokumentarfilm. "We feed the World" und "Darwins Nightmare" sorgten international für Aufsehen.
Neben diesen Aushängeschildern der österreichischen Filmszene gibt es auch noch zahlreiche andere Beispiele höchst interessanter Produktionen. Der Bogen spannt sich von Ina Ivanceanus "Jeder 7. Mensch", einer Doku über das Leben chinesischer Bauern, bis hin zu Hannes Gellners "La memoire des enfants". In diesem Streifen recherchiert er die Geschichte jüdischer Kinder in Frankreich während des Zweiten Weltkrieges.
Faktoren des Erfolges
Der Aufschwung des österreichischen Dokumentarfilmes geht auf den politischen und gesellschaftlichen Wandel während der 1970er und 1980er Jahre zurück. Vorher waren die Auftraggeber dieser Filme vor allem staatliche Stellen oder Medieninstitutionen. An Autoren mit neuen Ideen hatte man kaum Interesse.
Mit Michael Pilz, Ruth Beckermann und Egon Humer betrat eine - damals - neue Generation von Doku-Filmern die Bühne. Die Inhalte waren politisch relevante Themen wie die Arena-Besetzung oder die Anti-Zwentendorf-Bewegung. Im Zentrum stand aber, nicht zuletzt bedingt durch die Waldheim-Affäre, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Österreichs. In Szene gesetzt wurden diese Ereignisse mit neuen ästhetischen Mitteln.
Ein anderer Grund, warum Dokumentarfilme in den vergangen Jahren immer populärer wurden, liegt ganz sicher auch an der immer kleiner und billiger werdenden Ausrüstung. Diesen Veränderungen hat sich auch die Filmästhetik angepasst. So gilt zum Beispiel Videomaterial in Dokumentarfilmen heute nicht mehr als verpönt.
Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 3. März, bis Donnerstag, 6. März 2008, 9:30 Uhr
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