Wege zur Befreiung

Dein gerettetes Leben

Nach Jahren freier Erziehung ertönen heute wieder vermehrt Rufe nach mehr Strafen und Disziplin. Dass dies nicht unbedingt die besten Erziehungsmethoden sind, kann man bei der Psychotherapeutin Alice Miller nachlesen.

Alice Millers neues Buch versammelt kürzere Texte, Aufsätze und Interviews, die die Schweizer Kindheitsforscherein in den letzten Jahren bereits andernorts publiziert hat. Wer frühere Bücher Millers gelesen hat, "Das Drama des begabten Kindes" etwa, oder "Du sollst nicht merken", wird in diesem Band wenig Neues finden. Einmal mehr widmet sich die Bestsellerautorin der späten siebziger und frühen achtziger Jahre ihrem Lebensthema: dem Kampf gegen Kindesmisshandlung und lieblose Kindererziehung.

In jedem noch so schrecklichen Diktator, Massenmörder, Terroristen steckt ausnahmslos ein einst schwer gedemütigtes Kind, das nur dank der absoluten Verleugnung seiner Gefühle der totalen Ohnmacht überlebt hat.

Opfer des vierten Gebots

Wie schon in früheren Büchern analysiert Alice Miller auch in diesem die traurige Kindheit Prominenter. Diesmal hat sie sich etwa Anton Tschechow, die früh verstorbene Nouvelle-Vague-Schauspielerin Jean Seberg und die französische Sängerin Dalida vorgenommen. Alle diese Künstler seien Kinder liebloser, misshandelnder Eltern gewesen, stellt die Autorin fest, sie alle seien letztlich Opfer des vierten biblischen Gebots geworden, das zu geißeln die Schweizer Autorin auch in ihrem neuen Buch nicht müde wird. "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden", so fordert die Heilige Schrift bekanntlich.

Vergeßt es, fordert Alice Miller: Das vierte Gebot sei ein ideologisches Konstrukt, ein Herrschafts-Ideologem im Dienste der schwarzen Pädagogik. Millionen Kinder würden von ihren Eltern mißhandelt, mißbraucht und in ihren Bedürfnissen missachtet. Und was machen die Therapeuten, fragt Miller? Statt sie später als Erwachsene zu ermuntern, ihrem Schmerz und seiner Ursprungsgeschichte illusionslos ins Auge zu blicken, forderten sie ihre Patientinnen und Patienten zu falscher Versöhnlichkeit mit den lieblosen Eltern von einst auf. Eine Praxis, die Alice Miller gar nicht genug geißeln kann! Abneigung und Hass gegen nicht-liebende Eltern seien legitime Gefühle, postuliert sie.

Man pflegt das Wort Hass mit der Vorstellung eines gefährlichen Fluchs zu verbinden, von dem man sich so schnell wie möglich frei machen müsse. Man hört auch oft die Meinung, Hass würde den Menschen vergiften und die Heilung der alten, aus der Kindheit stammenden Verletzungen geradezu verunmöglichen. Auch ich bin der Meinung, dass der Hass einen Organismus vergiften kann, aber nur solange er unbewusst ist und auf Ersatzpersonen, also Sündenböcke, gerichtet bleibt. Dann kann er sich nicht auflösen. Wenn ich etwa Ausländer und Fremdarbeiter hasse, aber nicht sehen darf, wie meine Eltern mit mir umgingen, als ich ein Kind war, dass sie mich beispielsweise stundenlang als Säugling schreien ließen oder mich nie liebevoll anschauten, leide ich unter einem latenten Hass, der mich lebenslang begleiten kann und verschiedene körperliche Symptome verursachen mag. Wenn ich aber weiß, was meine Eltern mir durch ihre Ignoranz angetan haben, und meine Empörung über dieses Verhalten bewusst spüren konnte, habe ich es nicht nötig, meinen Hass auf andere Personen zu übertragen.

Mit missionarischem Eifer

Die Bücher Alice Millers haben vielen Menschen Erklärungsmuster für ihr persönliches, oft lange verleugnetes Leid gegeben, die Fachwelt allerdings rümpft schon seit langem die Nase über die Schweizer Ex-Therapeutin, die vielen als "Terrible Simplificatrice" gilt, als "schreckliche Vereinfacherin", eine Kritik, die eine gewisse Stichhaltigkeit für sich in Anspruch nehmen darf. Wie in allen ihren Büchern geht Alice Miller auch in diesem mit dem Eifer der Missionarin zur Sache, eine Haltung, die der Tugend differenzierter Analyse nicht eben förderlich ist. Und so dominieren auch in "Dein gerettetes Leben" ein schlichter Gut-Böse-Antagonismus und der nervende Tonfall missionarischer Auserwähltheit.

Dazu kommt ein fast schon esoterisches Faible für Psychosomatismen der plumpsten Art, nach dem Muster: Ein augenkranker Mensch will irgendetwas nicht sehen, eine Patientin mit Lippen-, Gaumen- oder Kehlkopfkrebs weigert sich, eine unangenehme Wahrheit auszusprechen undsoweiter. Auch Fjodor Dostojewski wird von Alice Miller entsprechend analysiert.

Dostojewski mag in "Die Brüder Karamasow" geschrieben haben, dass ein Vater nur geliebt werden solle, wenn er es verdient habe; er selbst aber litt an Epilepsie, weil er nicht wissen durfte, dass er ebenfalls ein schwer missbrauchtes Kind und Opfer unbeschreiblicher Brutalität seines Vaters gewesen war.

Das Phänomen Depression

Epilepsie als Folge verdrängter Kindheitserinnerungen - auch wenn man einräumt, dass seelische Verwundungen beim Entstehen vieler Krankheiten eine Rolle spielen mögen: Das scheint denn doch zu simpel gedacht - was nichts daran ändert, dass Alice Miller immer wieder auch Wichtiges und Richtiges zur Sprache bringt, etwa, wenn sie sich dem Phänomen Depression zuwendet.

Ein Mensch, der seine Geschichte kennt, muss im Alter nicht depressiv werden. Und wenn er depressive Phasen erlebt, dann genügt es, dass er seine echten Gefühle zulässt, um diese aufzulösen. Denn die Depression ist in jedem Alter nichts anderes als die Flucht vor all den Gefühlen, die die Verletzungen der Kindheit aufleben lassen könnten. Damit entsteht für die Betroffenen eine innere Leere. Wenn die seelischen Schmerzen um jeden Preis gemieden werden müssen, bleibt im Grunde nicht viel übrig, was die Lebendigkeit erhalten würde.

Das hat schon seine Richtigkeit, gehört indes andererseits zum kleinen Einmaleins der Psychotherapie.

Unangenehme Wahrheiten

Das ist vielleicht mit das Enervierendste an diesem Buch: dass Alice Miller allgemein anerkannte Einsichten mit dem Pathos der Dissidentin vorträgt, mit der Jeanne-d'Arc'schen Emphase der scheinbaren Widerständlerin, die so tut, als sei sie die Einzige, die den Heldinnenmut aufbringt, unangenehme Wahrheiten zu thematisieren. Unangenehm mögen sie ja sein, Alice Millers Wahrheiten, die Schweizer Psychoanalyse-Kritikerin ist allerdings bei weitem nicht die Einzige, die sich traut sie anzusprechen.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Alice Miller, "Dein gerettetes Leben. Wege zur Befreiung", Suhrkamp Verlag