Wiener Hauptstadtsound - Teil 1
Musikalischer Schmelztiegel Wien
Vor einigen Jahren war die Aufregung im österreichischen Boulevard groß, als Wolfgang Amadeus Mozart bei der Umfrage "Wer ist der größte Deutsche?" nominiert wurde. Sicher ist, dass er kein gebürtiger Wiener war, sondern einer der vielen Zuwanderer.
8. April 2017, 21:58
Musikwissenschaftler Christian Glanz
Nur sehr wenige wichtige Protagonisten des Musiklebens in Wien im 18. und 19. Jahrhundert waren gebürtige Wiener.
Neben den "deutschen" Zuwanderern Mozart, Beethoven und Brahms waren beispielsweise auch Franz Schuberts Eltern aus Mähren nach Wien gekommen.
Der tschechische Einfluss
Ab 1850 kam es zu einem rasanten Anwachsen der Wiener Bevölkerung. Bis 1910 vervierfachte sich die Anzahl der Bewohner. Einen großen Anteil bei den Zuwanderern stellten die Tschechen und Slowaken.
Um 1900 konnte fast die Hälfte der Bevölkerung tschechisch. Die Polka ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Neujahrskonzertes und war im 19. Jahrhundert das erfolgreichste musikalische Exportprodukt aus dem damaligen Böhmen und Mähren.
Das Geheimnis des Walzerkönigs
Der wahrscheinlich populärste Wiener Musiker des 19. Jahrhunderts war Johann Strauß. Dass seine Familie ihre Wurzeln in einer religiösen Minderheit hatte, wurde lange verschwiegen.
Die jüdische Herkunft von Johann Strauß blieb weitgehend unbekannt, und das antisemitische Hetzblatt "Stürmer" schrieb: "Es gibt wohl kaum noch eine andere Musik, die so deutsch und so volksnah ist, als die des großen Walzerkönigs." Als den Nationalsozialisten die jüdische Herkunft von Johann Strauß bekannt wurde, schreckten sie nicht vor einer Urkundenfälschung zurück, um Johann Strauß weiterhin als urdeutschen Musiker gelten zu lassen. (Michael John und Albert Lichtblau, "Schmelztiegel Wien")
Wie Ungarn die Operette rettete
Die frühere populäre Musik, nämlich Wienerlied und Operette, wurde zu einem guten Teil von Minderheitsangehörigen oder Erstzuwanderern aus der jüdischen und ungarischen Gemeinde in Wien komponiert. Sofort fallen einem in diesem Zusammenhang die Namen Hermann Leopoldi (eigentlich Ferdinand Kohn), Emmerich Kálmán ("Gräfin Mariza") oder Franz Lehár ("Die lustige Witwe") ein.
Gemeinhin wird die Operette in der öffentlichen Meinung verklärend als Symbol für den Zusammenhalt und das Zusammenleben der verschiedenen Nationen unter Kaiser Franz Joseph angesehen. Doch diese vermeintlich harmlos beschwingte musikalische Form war nicht frei von Ressentiments gegenüber Angehörigen von Minderheiten. Frei nach einem alten Witz: Wer bei uns die Volksschule nicht schafft, kann noch immer Unterrichtsminister von Montenegro werden.
Mehr zum "Wiener Hauptstadtsound" in oe1.ORF.at
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Weltmusikstadt Wien
Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 31. März bis Donnerstag, 3. April 2008, 9.45 Uhr
