Die Haydn-Variationen von Brahms

Von einer einfachen Melodie im Zweivierteltakt hat Brahms sich zu seinen Haydn-Variationen anregen lassen, vielleicht ist sie einer alten Wallfahrtsmelodie entnommen. Sie findet sich in einem Joseph Haydn zugeschriebenen Bläserdivertimento.

Aus einer lockeren Abfolge von Sätzen für ein reduziertes Freiluftensemble stammt der "Chorale St. Antoni", er gehört zu einer sogenannten Feldpartie, verwandt mit der Partita, dem Divertimento, der Cassatio oder dem Notturno. Harmoniemusik für Fürst Paul Anton II. Keine leicht zu spielende Bläsermusik.

Sie müssen einfach gut gewesen sein, die Instrumentalisten in der Kapelle der Fürsten Esterházy. Zwei Oboen, zwei Hörner, drei Fagotte und Serpent war die ursprüngliche Besetzung. Das Serpent ist ein tiefes Blasinstrument, ein Tubavorläufer.

Von Haydn oder nicht von Haydn?

Die Musikwissenschaft meint sicher zu wissen, es handle sich bei der Feldpartie in B-Dur II/46 nicht um ein Werk aus der Feder von Joseph Haydn, sondern es könnte von seinem Schüler Ignaz Pleyel stammen. Zu besonderen Ehren gekommen, verewigt ist es durch Johannes Brahms und seine Variationen über ein Thema von Joseph Haydn. Brahms ist im Jahr 1870 auf das Choralthema gestoßen, wahrscheinlich ein altes Wallfahrtslied auf den heiligen Antonius, deshalb der Titel St. Antoni. Und zwar war Haydn das Autograph vom Archivar der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Karl Ferdinand Pohl, gezeigt worden.

Bevor Brahms, es ist seine erste Saison als Chefdirigent, beziehungsweise hieß es damals "artistischer Direktor" der Konzerte der Wiener Philharmoniker, mit der Ausarbeitung seiner ersten Symphonie in c-Moll beginnt, will er sich noch an einem kleineren Orchesterwerk erproben, Orchesterstudien betreiben. In der ersten Hälfe des Jahres 1873 schreibt er die Variationen über ein Thema von Joseph Haydn, sein opus 56a und im selben Jahr erstellt er auch die Fassung für zwei Klaviere (opus 56b).

Das kleine, feine Spüren und Aufdecken

Acht Mal variiert Johannes Brahms das Thema, an das Ende setzt er eine Passacaglia, die alte Variationsform der Barockzeit (im Finale der Vierten Sinfonie wird er dieses kontrapunktische Verfahren noch einmal, noch großartiger anwenden). Brahms ist ein subtiler Meister der Variation und ein raffinierter Dramaturg im Harmonischen, Kontrapunktischen, Rhythmischen, Atmosphärisch-Emotionalen.

Jede Variation bekommt ihr ganz eigenes, unverwechselbares Gepräge. Die Schwierigkeit der Interpretation ist, genau zu wissen, wo sind die Höhepunkte, wo führen die Entwicklungen hin, wo findet Entspannung statt. Das kleine, feine Spüren und Aufdecken. "Durchbrochene Arbeit" wird seine Technik oft genannt, gemeint ist das vollkommen motivisch Durchwirktsein der Satzstruktur. Kleine Feinheiten hörbar machen, das ist die Kunst bei Brahms. "Diese Haydn-Variationen haben für mich etwas Stilles, sie sind ein Werk, in das der Hörer hineinhorchen muss", meinte einmal Nikolaus Harnoncourt.

Hör-Tipp
Ausgewählt, Mittwoch, 16. April 2008, 10:05 Uhr

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