Ich kotzte auf meine Stimme
Brei Side
Für Freunde tut man alles Mögliche. Man kümmert sich um ihre Freundin, wenn die beiden Streit hatten, oder steht sonntags um sieben auf und erbricht dann stundenlang schreiend Grießbrei, indem man in Bernd Preimls erstem Musikvideo einen Gefolterten mimt.
8. April 2017, 21:58
Die Geschichte beginnt in der Vergangenheit, denn sonst müsste ich sie erfinden. Da Gestern heute schon Vergangenheit ist, fange ich jetzt dort an, wo gestern Heute war. Ob das mit der Groß- und Kleinschreibung hier so funktioniert, ich bin nicht sicher.
Gestern - heute ist Montag - war bekanntlich Sonntag.
So beginnt die Geschichte ja gar nicht! Es muss heißen: Matthias ist mein Freund seit zwanzig Jahren. Sehr schön. Er war ein rundliches Kind mit übertrieben großer Brille, heute ist er Sänger in einer Rockband. Menschen, die aufmerksam und regelmäßig hier lesen, wissen das bereits, die anderen nicht.
Gemeinsam mit seinen drei Bandkollegen hat er sich schon viele Lieder ausgedacht, diese wurden dann gespielt, dabei aufgenommen und auf CDs aufgelasert. Nun steht ihr neuestes Album vor der Veröffentlichung, und was eine echte Rockpartie ist, hat immer auch ein, zwei Videos dazu. Musikvideos sind dazu da, die Musik ins Fernsehen zu bringen und auf Youtube.
Für ein Lied der neuen CD wurde ein Video angefertigt, die Band war damit nicht zufrieden, stand jedoch unter Zeitdruck, und so musste rasch ein neues Video her. Ohne Geld. Matthias rief mich an. Er hätte gerade mit Bernd Preiml gesprochen, der würde das Video machen, und zwar sollte es etwas Grausliches werden. Ob ich mitspielen wolle. Der Dreh sei am Sonntag.
Natürlich wollte ich, ging es doch um die Hauptrolle. Ich schränke die letzte Aussage ein: Es gab zwei Hauptrollen. Einen Dicken und mich, der ich ein Viertel des Dicken bin, vom Abtropfgewicht her. Für einen Freund wie Matthias, dachte ich, teile ich die Hauptrolle.
Bernd Preiml ist ein Genie. Er hatte sich um den Drehort gekümmert, brachte hübsche Requisiten mit, sowie zwei Assistenten, bediente die Kamera, war Aufnahmeleiter, Regisseur und sonst fast alles, und er machte das Licht, und was für eines!
Wir saßen da so, der Dicke und ich, und mussten die unappetitlichsten Dinge tun, die ich mir vorstellen kann, gerade noch bereit zu sein, zu tun. Es gab Brei, den ganzen lieben langen Sonntag, aus großen Schüsseln, erkaltend. Der Dicke und ich waren als zwei Gefangene verkleidet, man gab uns Stromstöße, wir hatten Angst, und zwar nicht die Nachmittagsserienangst vor einem Einbrecher oder einem ausgeflippten Marienkäfer.
Natürlich mussten wir, die wir Angst hatten, recht viel schreien, das wollte Bernd Preiml so. Obwohl das auf dem Video dann gar nicht zu hören sein wird, habe ich gestern Abend dann die Stimme verloren. In meiner Schüssel. Ein Glück, dass dann nur noch die Kotz-Szenen kamen. Ich kotzte auf meine Stimme. Dann musste ich zusammenbrechen, was zu meiner körperlichen Verfassung gut passte. Es tat dann auch nicht weh, auf den Tisch zu knallen.
Heute ist Montag und jeder einzelne Muskel in meinem federleichten Körper hat seine Nervenenden veranlasst, Schmerzen zu melden. Meine Stimme blieb in der Schüssel, wurde ausgespült und kam in die Kanalisation, ich eigne mich nur noch als Synchronstimme für Kleiderschränke und Gabelstapler.
Das alles aus Freundschaft, ist das nicht eigentlich wunderschön? – Sollten Sie kein Interesse an der Brei Side of an Ö1 Mitarbeiter haben, so meiden Sie ab Freitag die unten stehende Homepage (Julia), wo das Video veröffentlicht sein wird, aber sehen Sie sich, verdammt noch eins, die Bilder von Herrn Preiml an!
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Julia
Bernd Preiml
