Moralische Unordnung

Margaret Atwoods jüngstes Buch ist eine Folge von elf Erzählungen, die sie ihrer Familie gewidmet hat. Atwood hat sich für eine ungewöhnliche Form der Rückschau und Autobiografie entschieden: Sie führt uns Nell vor, eine Frau ihres Alters.

Pickel. Intellektuelle Frauen haben Pickel am Hintern, liest Nell in einem Gedicht. Das irritiert sie: Eigentlich hat sie sich immer von Büchern umgeben gesehen. Aber nun? Soll sie doch das Häuschen mit den weißen Gardinen ins Auge fassen, mit dem Sonntagskuchen im Backrohr und den Stiefmütterchen im Garten? Obwohl das ja eigentlich nicht wirklich ihr Lebenstraum ist. Aber wenn das nun doch irgendwie stimmt mit den Pickeln? Ratlosigkeit macht sich breit. Alles nicht so einfach, wenn man halbwüchsig ist, im Kanada der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

"Moralische Unordnung" nennt Margaret Atwood ihr jüngstes Buch, eine Folge von elf Erzählungen, die sie ihrer Familie gewidmet hat. Und das nicht ohne Hintersinn: Atwood feiert im kommenden Jahr ihren 70. Geburtstag. Wer ihre Bücher kennt, konnte sich nie vorstellen, dass sie wirklich zu einer Autobiografie ausholen würde. Zu selbstironisch ist der Blick auf das eigene Leben und Tun, zu wenig entwickelt ihre Eitelkeit. Und so wundert es auch nicht, dass sich Atwood für eine ungewöhnliche Form der Rückschau entschieden hat. Sie führt uns Nell vor, eine Frau ihres Alters. In elf Erzählungen durchläuft sie nun deren Leben und präsentiert damit ein liebevolles, aber zugleich scharfzüngiges Porträt dieser Frau und ihrer Zeit.

Alles für das Baby

Nell ist elf, als sie spürt, dass die äußere Ordnung das Chaos in sich birgt. Irgendetwas ist faul: Der Vater ist plötzlich so besorgt, die Mutter müde und wenig belastbar. Nachbarn und Freunde geben sich erstaunt und tuscheln: Musste das denn noch sein? Eine dritte Schwangerschaft? Nell erschrickt. Schwanger - was für ein plumpes Wort. Dazu die Angst vor einem schwachsinnigen Baby, die Sorge des Vaters, seine Frau könnte die Geburt nicht überstehen.

Man schreibt das Jahr 1951, Kanada ist ein weites Land, doch das Leben ist sehr eng. Nell vergräbt sich ins Stricken, alles für den Säugling, und taucht in ein Buch ab, das sie fesselt: "Die Kunst des Kochens und Auftragens" heißt der Band, ein Ratgeber für die tadellose Hausfrau. Die gibt es also auch. Nicht nur Mütter wie ihre, die ungewollt schwanger werden und sich mit dickem Bauch durch die Tage schieben.

Wachsendes Misstrauen

Nell ist fasziniert. Ist das die heile Welt, diese Diktatur der gestärkten Küchenschürzen, der adrett servierten Speisefolgen, des Haushalts, in dem der Mann seine Hemden gestärkt im Schrank vorfindet? Könnte schon sein. Doch das Misstrauen wächst. Dass die Mädchen- und Frauenfiguren, die sie in Zeitschriften und Büchern vorgeführt bekommt, nur am Papier so makellos in Szene gesetzt sind, wird ihr immer klarer.

Warum müssen wir uns mit all den nervigen, dämlichen weiblichen Wesen beschäftigen, die uns Romane und Gedichte beharrlich ans Herz legen, fragt sie sich, und muckt auf, endlich. Doch die Alternativen zeigen allerlei Haken, sie fordern den Widerstand heraus, den eigenen Kopf. Mit Nell, so Margaret Atwood, wächst eine Generation von Frauen heran, die zwischen den Stühlen sitzt.

Loslösung aus der Herkunft

Nell reißt immer wieder aus und flüchtet vor sich selbst und allem, was sie festlegen könnte. Sie lässt sich treiben und driftet dabei in ein Leben, das erst nach und nach zu ihrem eigenen wird. Keine weißen Gardinen, keine Verlobung, keine Heirat. Dafür Jobs an Universitäten und bei Verlagen, wechselnde Beziehungen, die Begegnung mit einem verheirateten Mann, mit dem sie aufs Land zieht. Eine Farm, Tiere, der Versuch, sich im freien Denken zu üben und sich mit der verlassenen Ehefrau und den beiden Stiefsöhnen zu arrangieren.

Nell löst sich langsam aus den Umklammerungen ihrer Herkunft und einem Denksystem, das nur zwei Farben kennt: Schwarz und Weiß - und damit Gut und Böse. Später das eigene Kind, die Rückkehr zu den Eltern. Die beiden sind alt geworden, gebrechlich, dämmern schließlich nur mehr vor sich hin. Mit dem langsamen Sterben von Vater und Mutter verschwindet auch ein Stück der vertrauten Welt.

Sich freischwimmen

"Nell wollte immer die Regeln kennen", heißt es an einer Stelle des Buches. Doch damit kommt sie nicht weit. Das Leben ist ein Wildwuchs, nichts, was sich kultivieren ließe. Eine moralische Unordnung eben.

Auch Atwoods Erzählungen, die Malte Friedrich stimmig übersetzt hat, folgen keinen strengen Gesetzen. Sie sind lose aneinandergereiht und wechseln ganz selbstverständlich zwischen "ich" und "sie". Auf diese Weise entsteht ein Bild, das immer neue Blickwinkel eröffnet. Vorgeführt wird eine Frau, die sich langsam freischwimmt und lernt, ihren Platz zu finden und diesen auch zu verteidigen.

Glück und Katastrophen
Margaret Atwood schreibt lakonisch und distanziert. Sie nimmt die Biografie ihrer Heldin zwar ernst, ohne die einzelnen Episoden zu Dramen aufzublähen. Und gerade das macht das Buch so wohltuend: Die Beschreibung dieses Lebens, mit all seinen Glücksmomenten, aber auch großen und kleinen Katastrophen, wirkt unsentimental, manchmal fast schon sarkastisch. Keine langatmigen Interpretationsversuche, keine psychologischen Erklärungen, keine Wichtigtuerei. Stattdessen der fremde Blick - und ein Augenzwinkern.

"Wir können nicht wirklich in die Vergangenheit reisen, egal, wie wir es anstellen", schreibt Atwood. "Und wenn wir es tun, dann reisen wir als Touristen." Und gerade so könnte man diesen Band auch lesen: als leichtfüßige Tour durch ein Frauenleben. Wer genau hinschaut, mag ab und zu der Autorin begegnen - um sie dann ganz schnell wieder um die Ecke biegen zu sehen. Weg ist sie. Sie lässt uns ein witziges, aber auch eindrückliches Buch zurück. Und das wird wohl weniger flüchtig bleiben als die Lebensgeschichte der Margaret Atwood.

Service

Margaret Atwood, "Moralische Unordnung", aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Malte Friedrich, Berlin Verlag

Margaret Atwood
Berlin Verlag - Moralische Unordnung