Eine Wagner-Heroine aus St. Louis

Die vor 110 Jahren in St. Louis geborene Helen Traubel hat eine typisch amerikanische Karriere gemacht - einschließlich Nachtclub-Auftritten und Krimi-Veröffentlichungen. Ihre größten Erfolge feierte Traubel mit Wagner-Partien.

Helen Traubel singt Lehár

Sir Rudolf war "not amused". Helen Traubel, stimmgewaltige Wagner-Primadonna mit Heimvorteil und längst als Nachfolgerin der legendären Kirsten Flagstad etabliert, wollte nach ihren Erfolgen im Fernsehen - zusammen mit Jimmy Durante - nun sogar in Nachtclubs auftreten.

Das musste verhindert werden, schließlich galt es den Ruf der Metropolitan zu verteidigen, vor allem aber seine eigene Autorität wirkungsvoll zur Schau zu stellen.

Mobbing an der MET

"Mr. Bing schien den Eindruck zu haben" erinnert sich Traubels große Kollegin und Konkurrentin Astrid Varnay in ihren Memoiren, "dass das Gelächter, das Helen Traubel im Fernsehen mit Jimmy Durante einheimste, und das ansteckende schallende Lachen, das sie selbst immer wieder losließ, der Sache der Oper irgendwie schadeten, während sie in Wirklichkeit mehr Kunden an die Kasse lockte, als das künstliche Gezicke des Managements für sich in Anspruch nehmen konnte".

Also trachtete der "schmallippige Wiener Zuchtmeister namens Rudolf Bing" (Copyright A. Varnay), die Traubel möglichst rasch von der MET wegzumobben, ganz genauso wie er es wenige Jahre davor mit Lauritz Melchior, dem "Heldentenor des Jahrhunderts" erfolgreich praktiziert hatte - zum Schaden der Kunst und des Publikums.

Traumgagen im Showbusiness

Die Traubel und Melchior hingegen fanden zumindest finanziellen Ausgleich bei ihren Seitensprüngen, mit denen sie wesentlich mehr Geld verdienten, als ihnen die Metropolitan je hätte zahlen können. Und in künstlerischer Hinsicht waren sie ohnehin längst auf einem Niveau angelangt, das kaum mehr zu überbieten gewesen wäre, ja das bis heute weder erreicht, geschweige denn überschritten wurde.

St. Louis Woman

Geboren wurde Helen Traubel am 16. Juni 1898 (oder 1899 - keinesfalls stimmt das von ihr selbst angegebene Geburtsjahr 1903) in St. Louis in Missouri als Tochter deutscher Eltern, sie ist also in einer deutschsprachigen Familie aufgewachsen, und offenbar hatte sie auch deutschen Perfektionismus im Blut, anders ist es wohl kaum zu erklären, dass sie sich mit dem Start ihrer Opernkarriere gar so lange Zeit gelassen hat, immerhin bis 1937 und das, obwohl sie schon seit 1923 als Konzertsängerin überaus erfolgreich tätig gewesen ist.

Sensationsdebüt an der MET
Am 12. Mai 1937 aber war es endlich so weit. Heftig unterstützt vom Lokalpatriotismus der amerikanischen Presse fand ihr Operndebüt statt und zwar gleich an der MET und in einer Uraufführung. "The Man without the Country" hieß das Stück, nicht gerade ein Sensationserfolg, über das die ebenso stimm- wie körpergewaltige Traubel später in ihrer Autobiographie folgendes erzählt hat: "Das einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass der Tenor wesentlich kleiner und dünner war als ich. In einer Szene musste ich mit ausgebreiteten Armen über einen Steg balancieren und wäre ich ausgerutscht und auf den armen Kerl gefallen, wäre aus dem 'Mann ohne Land' ein 'Land ohne Mann' geworden."

Der Komponist dieser heute längst vergessenen Oper hieß Walter Damrosch und seiner Begeisterung für die Stimme der Traubel ist es zu danken, dass sie überhaupt den Sprung auf die Bühne gewagt hat.

Eine Stimme wie voller Burgunder
Fasziniert von dieser Jahrhundertstimme sind bis heute viele gewesen, angefangen von Toscanini bis zu ihrer schon erwähnten Kollegin Astrid Varnay, für die Traubel stets ein großes Vorbild blieb: "Eine Stimme wie voller Burgunder" schreibt die Varnay in ihren nach wie vor spannenden Memoiren. "Immer denke ich mit Behagen an diese ausladende Stimme und den großzügigen Elan ihrer Besitzerin zurück, die über das ansteckendste Lachen verfügte, das ich jemals gehört habe. Jeder, der sie einige Jahre später mit Jimmy Durante im Fernsehen erlebte, weiß, was ich meine. Am Ende ihrer Shows lag das gesamte Publikum unter den Stühlen."

Kurze Opernkarriere
Insgesamt 16 Spielzeiten war Helen Traubel an der MET engagiert, länger hat auch ihre gesamte Opernkarriere nicht gedauert. Im Verband der MET hat sie zehn verschiedene Rollen verkörpert, in insgesamt 176 Vorstellungen. Außer der schon erwähnten Debüt-Partie und der Marschallin im "Rosenkavalier" ausschließlich Wagner.

Dabei hätte sie - ebenso wie Lauritz Melchior - liebend gerne auch italienische Rollen gesungen, doch an der MET wie bei auswärtigen Gastspielen verlangten die Manager von beiden immer wieder nur Wagner - auch und vor allem in den Kriegsjahren! - so dass sich Melchior selbst schon als "musikalischer Gesandter eines anderen Deutschlands" fühlte.

Musical-Film-Krimi
Traubel und Melchior aber waren ebenso beim Film und Musical erfolgreich, Helen Traubel hatte dazu auch eine literarische Ader - ihr Krimi "Metropolitan Opera Murders" (in der deutschen Übersetzung "Tod in der Metropolitan") kann in diesem Genre durchaus bestehen und ebenso lesenswert ist ihre 1959 erschienene Biographie "St. Louis Woman". Am 28. Juli 1972 ist Helen Traubel in Santa Monica gestorben.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 10. Juni 2008, 15:06 Uhr