Die Welt hinter Wien

Ein Jahr lang berichtete der österreichische Autor Martin Leidenfrost für die Tageszeitung "Die Presse" aus dem slowakischen Grenzgebiet, als einer Art Mikrokosmos der europäischen Integration mit ihren Fährnissen und Chancen.

"Als Region ist sie profillos."

Unter dem Titel "Die Welt hinter Wien" hat der der österreichische Autor Martin Leidenfrost 50 literarische Reportagen versammelt, die er ursprünglich für die Wochenendbeilage "Spectrum" der Tageszeitung "Die Presse" geschrieben hat. Der 1972 in Niederösterreich geborene Autor lebt seit drei Jahren im slowakischen Grenzort Devinska Nova Ves, dem früheren Theben Neudorf, wie ein pikierter User in einem der Artikel in der Online-ausgabe der"Presse" angemerkt hat. Er lebt - wie Leidenfrost selbst sagt - auf der "langsam vernarbenden Naht des Eisernen Vorhangs".

Zerfurchtes Centrope
Die zwischen Oktober 2006 und September 2007 erschienenen Artikel sind ein Jahreszyklus von Porträts, im Stil persönlich gehaltener Feuilletons. Gegenstand der Serie ist der "mitteleuropäische Zentralraum zwischen Alpen und Karpaten, irgendwo um die Städte Wien und Bratislava, Györ und Brünn herum".

Leidenfrost schreibt Geschichten aus einer Gegend, "die auf vier Staaten, vier Staatssprachen und Dutzende Ethnien verteilt ist". Und doch liegt alles um die Ecke, wie der Autor formuliert. Die Gegend hat einige Namen bekommen, Namen wie "Centrope". Doch kaum ein Bewohner empfindet "diesen von Grenzen zerfurchten Raum" als eine organische Region. Vielen Österreichern fällt dazu nur "ehemaliger Ostblock" ein.

Wie weit sind 1.000 Meter?

"Ich bin Österreicher und ich habe einen Kilometer nach Österreich, 30 Kilometer nach Ungarn, 50 in die Tschechische Republik. Aus dieser Perspektive erscheint der Raum als eine natürliche Einheit. Es ist die Perspektive, aus der ich erzähle", beschreibt der Autor seinen Wirkungskreis. "Ich gehe jede Woche an einen anderen Ort, tauche in eine andere Sphäre, eine andere Sprache, in ein anderes Milieu, und aus der Summe dieser Wanderungen entsteht mein Porträt einer atemberaubend vielfältigen Region. Ich erzähle von Anziehung und Abstoßung, von Stammesfehden und Megalopolen-Utopien, von der Schönheit, Traurigkeit und Wirklichkeit der europäischen Integration".

Ausgezeichnete Reportagen
Leidenfrosts Texten pendeln zwischen Ironie und Sarkasmus und gehen stets von sensiblen und präzisen Beobachtungen von Land und Leuten aus. Martin Leidenfrost wurde im Dezember 2007 mit dem von der APA-Austria Presse Agentur und der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) vergebenen Journalistenpreis "Writing for CEE" ausgezeichnet.

Die langjährige Osteuropa-Berichterstatterin des ORF, Barbara Coudenhove-Kalergi, verwies bei der Preisverleihung auf die "paradoxe Situation, dass wir uns 18 Jahre nach der Wende weniger verstehen als vorher". 1989 habe es auf dem Prager Wenzelsplatz geheißen: "Wir wollen zurück nach Europa", und in Österreich habe es eine große Sympathie für die Reformbewegung in der damaligen Tschechoslowakei gegeben. Jedoch: "Unser Bewusstsein hat mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten." Das betreffe auch die "Kulturschaffenden und Geistesmenschen", so Coudenhove-Kalergi: "Die kühlen Manager aus der Wirtschaft haben die Chancen schneller erfasst." Und Autor Martin Leidenfrost.

Service

Martin Leidenfrost, "Die Welt hinter Wien - Fünfzig Expeditionen", Picus-Verlag

Die Presse - Wie weit sind 1000 Meter?