Tenor Peter Anders

Vor 100 Jahren wurde in Essen der Tenor Peter Anders geboren, ein Künstler, der auch heute noch über eine große Anhängerschaft verfügt. Im September 1954 ist Peter Anders einem tragischen Verkehrsunfall zum Opfer gefallen, im Zenit seiner Laufbahn.

Peter Anders im Interview (1951)

Wenn ein Sänger - obwohl er nun schon weit über ein halbes Jahrhundert lang tot ist - noch immer über eine große Anhängerschaft verfügt, selbst unter Menschen, die ihn nie persönlich erlebt haben und seine Stimme daher nur von Schallplatten kennen, hat dies meist auch Gründe, die nichts mit der künstlerischen Tätigkeit zu tun haben.

Im Falle von Peter Anders ist das sein Tod im September 1954 mit nur 46 Jahren bei einem spektakulären Verkehrsunfall. Anders stand damals im absoluten Zenit seiner Laufbahn, vor seinen Debüts in Bayreuth und an der MET, was ihm posthum auch in musikalisch weniger interessierten Kreisen noch weit größere Popularität eingebracht, als er sie je als Opern- oder Liedsänger hätte erreichen können.

Populär durch frühen Tod

Bei Anders ist ein ähnliches Phänomen zu konstatieren wie zum Beispiel bei Maria Cebotari, Joseph Schmidt oder bei Anders' legitimem Nachfolger Fritz Wunderlich, die alle ebenfalls auf tragische Weise früh verstorben sind und damit samt ihren Familien und Angehörigen noch lange Zeit Stoff für die Sensationspresse geliefert haben.

Doch während derartiger Rummel und alle Sentimentalitäten mit der Zeit mehr und mehr verblassen, überzeugen uns Künstler wie die soeben genannten und insbesondere Peter Anders nach wie vor durch das Gottesgeschenk ihrer Stimme, die auf den überlieferten Tonträgern weiterlebt.

Beamtensohn und Bücherrevisor

Geboren wurde Peter Anders in Essen, am 1. Juli 1908 als einziges Kind einer Beamtenfamilie. Als Kind hat er Geige gelernt, hat im Kirchenchor gesungen, aber noch dachte man nicht an eine künstlerische Laufbahn. Also begann er zunächst eine kaufmännische Ausbildung, wurde zum Bücherrevisor ausgebildet, doch befriedigt hat ihn diese Tätigkeit keinesfalls, was ihn viel mehr fasziniert hat, waren die großen Tenöre dieser Zeit: der ebenfalls viel zu früh verstorbene Enrico Caruso, Beniamino Gigli, ganz besonders aber Tito Schipa und Richard Tauber.

Mit 20 hat Anders schließlich ein reguläres Gesangsstudium begonnen, zunächst als Bariton, was sich als Fehldiagnose herausgestellt hat, dann aber beim berühmten Ernst Grenzebach, der ihn sofort richtig als Tenor klassifiziert hat. Grenzebach war im Übrigen auch Lehrer von Max Lorenz, Lauritz Melchior, Elisabeth Schwarzkopf, von Paul Schöffler, von Alexander Kipnis und vielen anderen. Eine weitere wichtige Persönlichkeit im Leben von Peter Anders wurde in der Folge auch seine spätere Schwiegermutter Lula Mysz-Gmeiner, eine bedeutende Liedersängerin und Pädagogin an der Berliner Musikhochschule.

Entdecker Max Reinhardt

Solcherart musikalisch und technisch gerüstet war es für Peter Anders schließlich nur mehr eine Frage der Zeit, ehe er in den Blickpunkt der Öffentlichkeit treten würde, was ihm schließlich auf ziemlich spektakuläre Weise gelungen ist, nämlich von keinem geringeren als Max Reinhardt im Chor des Großen Schauspielhauses in Berlin entdeckt, der Peter Anders in seinen Inszenierungen der "Schönen Helena" und "Hoffmanns Erzählungen" - beides 1931 - dem Publikum in zwar kleineren, aber nicht unwichtigen Rollen vorgestellt hat.

Anfänger und Plattenstar

Heidelberg, Darmstadt, Köln wurden dann zu den eigentlichen Anfangsstationen seiner Karriere, parallel dazu aber wurde er schon ab 1933 auch zu einem neuen Plattenstar aufgebaut, eigentlich mehr als ungewöhnlich für einen absoluten Anfänger, doch war das damals eine Frage der politischen Umstände. Schließlich waren für das Nazi-Regime eine Reihe erster Künstler praktisch von einer Minute zur anderen nicht mehr tragbar - gerade im Tenorfach etwa Richard Tauber und Joseph Schmidt - und so wetteiferte natürlich sofort die ganze Branche darum, möglichst gleichrangige Künstler nachfolgen zu lassen, wobei einer davon - und wahrscheinlich der dazu talentierteste - eben Peter Anders geheißen hat. So lässt sich sein kometenhafter Aufstieg zum Plattenstar, dem seine Bühnenkarriere vorerst ein wenig nachhinkte, leicht erklären.

Traumziel Berlin

Aber auch auf der Bühne ist es dann für Peter Anders sehr rasch ganz nach oben gegangen: auf Köln folgte Hannover, 1937 bereits die Bayrische Staatsoper in München und 1940 - nach einigen erfolgreichen Gastspielen - schließlich die Berufung an die Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Peter Anders hat dabei kontinuierlich auch sein Repertoire ausgebaut, wobei neben Mozart vor allem die leichteren Italiener einen Schwerpunkt gebildet haben, also etwa Rudolf in "La Boheme", Alfred in "Traviata" oder der Rigoletto-Herzog.

Vorsichtiger Fachwechsel

Ende der 1930er Jahre hat Peter Anders dann ganz vorsichtig begonnen, sich mehr und mehr dem heldischeren Fach anzunähern, von der Münchner Presse bereits anlässlich seines Tosca-Debüts durchaus positiv aufgenommen: "Als Cavaradossi" lesen wir da in der Münchner Zeitung vom 2. November 1939 "ist Peter Anders zum ersten mal in einer Rolle aufgetreten, die aus dem Lyrischen mit ins Charakterfach übergreift, und zwar ins hochdramatische Charakterfach. Ein solcher Schritt bedeutet immer ein Wagnis, für Anders war es keines. Mühelos und ohne alle Drücker und Anläufe ist sein Vortrag in das größere Format der Dynamik und des Ausdrucks hineingewachsen. Sein Organ schien neue Klangregister gewonnen zu haben, jede Zunahme an Kraft war zugleich ein Crescendo der Farbe - besonders erstaunlich in der hohen Lage ... der ganze Gesang war ein einziger Strom von Schönheit und innigem Gefühl."

Umjubelter Othello

Nach dem Krieg folgte dann der endgültige Wechsel ins dramatische Heldenfach. Den großen Durchbruch brachte dabei sein Othello in Hamburg, 1950, wo übrigens genau ein Vierteljahrhundert später auch Placido Domingo seinen ersten Othello gesungen hat.

Die Hansestadt wurde in der Folge zur künstlerischen Heimat von Peter Anders, von der aus er viele wichtige Auslandsgastspiele absolvierte: in London, Edinburgh, Neapel und immer wieder auch in Wien, wo ältere Opernbesucher bis heute von seinen damaligen Auftritten schwärmen.

In den Tod gerast
Auf Othello folgte - ebenfalls in Hamburg - dann unter anderem noch Stolzing, Siegmund, Bajazzo, Andrea Chenier. Das Debüt in Bayreuth war schon fixiert, da geschah Anfang September 1954 schließlich der schreckliche und nie vollständig geklärte Autounfall auf der Fahrt zwischen Hannover und Hamburg. Anders selbst saß am Steuer und hat ein Überholmanöver offenbar nicht richtig eingeschätzt: Der Mercedes 300 überschlug sich und prallte an einen Telegrafenmast.

Als man ihn fand, war Anders zwar noch bei Bewusstsein, dennoch waren die Unfallfolgen für ihn letal, während sein Beifahrer überlebte. Fünf Tage später, am 10. September 1954, ist Peter Anders schließlich seinen schweren Verletzungen erlegen, gerade 46 Jahre alt. Ein Schock für die gesamte musikalische Welt, die sich vom einstigen Pedrillo in Kürze den überragenden Tristan seiner Zeit erwartet hatte.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 1. Juli 2008, 15:06 Uhr