Der Geruch des Raben

Der Schauspieler Urs Hefti

Auf der Bühne stellte er oft Sonderlinge, verquere Typen dar. So wie er hatte keiner das Stolpern, das Scheitern gelernt, und doch schienen seine Figuren letztlich unverwüstlich. Im Jänner 2008 verstarb der Schauspieler Urs Hefti mit 63 Jahren in Wien.

Der Vater hat Urs Hefti "unglaublich verwöhnt".

"Etwas nicht tun dürfen, heißt, es irgendwo anders doppelt tun."

"Man ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist."

"Mich friert es, wenn ich von Helden rede. Da schweige ich lieber."

Ich habe es noch zu Hause, das hellgrüne, abgegriffene Taschenbuch, in dem Urs Hefti jene Zitate angezeichnet hat, die er gern lesen würde, aus seinem Lieblingsbuch, aus dem schmalen Suhrkamp-Band mit der Nummer "st 1111".

Walsers Texte

Als ich den Schauspieler nach einem geliebten Buch fragte, für meine Reihe "Die Radiokolleg-Bibliothek", einer Bibliothek der Leserinnen und Leser, da kam Urs Hefti mit dem Band "Jakob von Gunten" von Robert Walser ins Studio. Er zeigte mir die Stellen, die er lesen würde, sprach beim Interview leise und konzentriert über den Schweizer Dichter Robert Walser und seine Texte.

Nach dem Gespräch schenkte er mir das Buch. Der 1956 verstorbene Schweizer Dichter Robert Walser war ihm der liebste Schriftsteller, er mochte dessen "Kleine Dichtungen", die in winziger Schrift verfassten Geschichten und Gedichte, diese rätselhaften, verspielten Nachrichten aus dem Bleistiftgebiet.

Traumwelt Theater

Mehrmals durfte ich Urs Hefti interviewen, oft gab es auch lange Gespräche ohne Mikrofon, und immer ging ich reich beschenkt nach Hause. Als ich ihn vor Jahren in seiner Wohnung nahe dem Wiener Prater besuchte, für ein Gespräch für die Reihe "Menschenbilder", dauerte der Besuch bis weit in die Nacht hinein. Wein wurde getrunken, belegte Brote kamen auf den Tisch, und Urs Hefti erzählte. Von seiner Kindheit in Klosters in der Schweiz, vom Aufwachsen im Bergdorf, von der intensiven Nähe zum Vater, von der Faszination der Traumwelt Theater, die er als Kind bei einer Aufführung erleben konnte und die ihn - von der ersten Sekunde an - in helle Aufregung versetzte.

"Wohin verschwanden die Schauspieler nach der Aufführung? Was geschah hinter dem roten Vorhang? Gab es eine Welt hinter der Bühne?" Kinderfragen, die ihn nicht mehr losließen, die ihn schließlich in die Schauspielschule nach Zürich lockten.

Geübtes Stolpern

Die Welt des Theaters, er wollte sie für sich selbst entdecken. Urs Hefti hatte früh Geige gelernt, er besuchte von 1965 bis 1967 die Ecole Etienne Decroux, er wurde Musiker, Schauspieler, Clown, er wurde ein Darsteller, der - ohne viele Worte - Menschengeschichten erzählen konnte.

"Ich habe lieber das Stolpern geübt, einen Blick, einen Seufzer - das hat mehr von einer Figur erzählt als lange Monologe", sagte Urs Hefti und wurde einer jener großen Charakterdarsteller, die immer auch um die Komik vieler Situationen wissen.

Im Gedächtnis geblieben

Nach Gastspielen in Schweizer Kellertheatern erhielt er sein erstes fixes Engagement am Landestheater in Tübingen, 1976 wechselte er an das Staatstheater Stuttgart, zu Claus Peymann, dem er 1979 an das Schauspielhaus Bochum und 1986 ans Wiener Burgtheater folgte. Er liebte Wien, und er liebte das Burgtheater, auch nach dem Weggang Peymanns. Allein in der Direktion von Klaus Bachler war Hefti in 23 Rollen zu sehen.

Ob in Tschechows "Ivanov" oder im "Kirschgarten", ob in Shakespeares "Richard III." oder in "Macbeth" - der Schauspieler Urs Hefti blieb im Gedächtnis, da polterte, stolperte, schlich, strauchelte, huschte einer durchs Geschehen, getrieben und vertrieben zugleich, die grauen Haare zerzaust, einer, der plötzlich zum Fürchten laut werden konnte, rasend laut, und der doch im nächsten Moment leise zusammenzuckte, sich beschämt wegduckte, erschrocken über das Gesehene, über das Geschehene.

Der Geruchsmensch

1992 lernte ich Urs Hefti kennen, bei der Arbeit für mein Buch "Salbei und Brot. Gerüche der Kindheit". "Frag doch Urs Hefti", sagte die Schauspielerin Margot Vuga. "Urs ist ein Geruchsmensch."

Urs Hefti sagte sofort zu, im - derzeit vergriffenen - Band "Salbei und Brot" (Austria Press, Wien 1992) sind sie versammelt, seine Geruchserinnerungen aus allen Jahreszeiten seiner Kindheit – der Geruch der ersten Wollmütze, die beim Einschlafen half; der Geruch der Badeanstalt im Sommer, mit den Kabinen aus Holz; der Schnee, der von den Schiern schmolz, die in der Schulstube zum Ofen gestellt werden mussten; der Geruch der Eisenschwellen beim Bahnhof. Und Urs Hefti erinnert sich an den Geruch des Raben: "Wir hatten im Garten einen alten Raben, der konnte nicht mehr fliegen. Er saß oft auf der Schulter meiner Schwester. Und wenn ich sie in den Nacken geküsst habe, habe ich immer den Raben mit gerochen. Dieser Geruch ist mir noch sehr intensiv in Erinnerung. Manchmal, wenn ich meine Freundin am Nacken küsse oder an ihrem Nacken rieche, denke ich: Jetzt müsste der Geruch von diesem Raben da sein!"

Hör-Tipp
Menschenbilder, Sonntag, 13. Juli 2008, 14:05 Uhr

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