Der Audioaktivismus von Ultra-red

Wie kann Musik soziale Kritik herausfordern und Menschen im Kampf um mehr soziale Rechte zusammenbringen? Diese Frage stellen die Audioaktivistinnen und Audioaktivisten von Ultra-red. Und: Was verstehen wir unter Ambient-Musik?

Raum verändert Klang, Klang verändert Raum.

Verstehen wir unter Ambient Musik, so wie dies Brian Eno getan hat, eine Musik, die als perfekter Hintergrund zu dienen vermag, Musik, die wie Licht, Geruch und Atmosphäre einfach das Befinden in einem Raum gestaltet? Oder verstehen wir darunter viel mehr ein künstlerisches Material, mit dem neuer Raum gebaut werden kann? Diese Fragen stellen die Audioaktivistinnen und Aktivisten von Ultra-red, wobei eigentlich, so Dont Rhine, sei das musikalische Konzept der Ambient-Musik in ihrer Arbeit mittlerweile gar nicht mehr so zentral, wie anfänglich, aber es würde ihnen nach wie vor dabei helfen Klang auch weiterhin als eine "Technologie des Raumes" zu verstehen, und zwar in doppelter Hinsicht.

Mehr zu Brian Eno in oe1.ORF.at

Dont Rhine: "Zum einen entsteht bei den Hörerinnen und Hörern des oben angeführten Soundfiles, eine Vorstellung von jenem Raum, in dem dieses Gespräch stattgefunden hat. Der Hall verrät, dass es sich hierbei um einen großen und hohen Raum mit Holzboden handelt, diese Information wird ganz automatisch mit dem Klang mitgeliefert. Klang kann aber auch ein Mittel sein, mit dessen Hilfe wir Raum verändern."

Elektronische Musik als Werkzeug der Kritik

Gegründet wurde Ultra-red 1994 in Los Angeles. Damals so wie heute engagierte sich Dont Rhine im Aidsaktivismus und damals war Ambient soeben dabei die Chill Out Rooms der diversen Techno-Clubs zu erobern.

Dont Rhine: "Wir haben elektronische Musik gemacht und uns schließlich gefragt, ob elektronische Musik auch ein Werkzeug der Kritik sein kann. In der Act-Up-Bewegung war man damals bereits mit einem konzeptionellen Kunstansatz vertraut, im Wesentlichen gab es hier zwei Stoßrichtungen. Zum einen versuchte man Aids ein Gesicht zu verleihen. Und zum anderen versuchte man mit Kunst Fundraising zu betreiben. Einige Leute in der Act-Up-Bewegung sagten aber nun: Es gibt hier noch einen dritten Weg, man kann sich direkt am sozialen Kampf beteiligen, man kann herausfinden, welche gesellschaftlichen Bedingungen dazu führen, dass sich Aids weiter ausbreitet und man kann dem Diskurs, der diesen gesellschaftlichen Bedingungen zu Grunde liegt mit einem Gegendiskurs konfrontieren."

Komplexer theoretischer Ansatz

Die Arbeit von Ultra-red basiert auf einer Vielzahl ineinander verschränkter theoretischer Ansätze. In dem Interview an diesem Samstagvormittag verwies Dont Rhine dann aber im speziellen auf zwei theoretische Ansätze. Auf der einen Seite sei da Pierre Schaeffer, so Rhine, mit seinen Überlegungen zur Semiotik von Klang und seinem Interesse daran, bedeutungsstiftende Klangeinheiten aus Fieldrecordings zu isolieren.

Und auf der anderen Seite sei das Konzept von Murray Schäfer, mit seiner auf die Umwelt als Ganzes zielenden Intention, dieses Denken in Kategorien einer "environmetal music" oder eines Soundscape, diese Vorstellung von den uns umgebenden Alltagsgeräuschen als eine große vielstimmig tönende Symphonie. Diesen Überlegungen folgend, entwickelten Ultra-red eine Methode, die ihrerseits wiederum an Paulo Freires Befreiungspädagogik anknüpft.

Kollektive Reflexion

"Und in einer Fußnote präsentiert er diese simple Idee, eigentlich eine Art Methode", meint Dont Rhine. "Eine Gruppe, schreibt er, formiert sich rund um ein bestimmtes Problem. Mit Hilfe eines Objektes, das zur Identifikation dient, in dem sich also das Erfahrene verdichtet, mit Hilfe eines solchen Identifikationsobjektes wird besagtes Problem dann reflektiert. Das kann etwa ein Bild sein, ein Theaterstück oder eben auch eine Tonaufnahme.

Diese kollektive Reflexion führt zu einer Analyse, die Analyse mündet in einen Aktionsplan, die Aktion wird ausgeführt, dabei entsteht ein weiteres Identifikationsobjekt und der ganze Prozess beginnt wieder von vorne. Diese wirklich sehr simple Idee hat uns dabei geholfen, eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche Rolle Fieldrecordings in unserer Arbeit spielen könnten."

Fieldrecording als Kristallisationspunkt
Ein Fieldrecording dient als Kristallisationspunkt. Einem gesellschaftspolitischen Problem wird Gestalt verliehen, um es begreifbar zu machen.

"Und so haben wir uns dann also überlegt, welcher Teil eines Fieldrecordings am ehesten dazu geeignet ist, eine Form von imaginärer Identifikation zu produzieren, und ich spreche hier nun ganz bewusst von eben einer imaginären und nicht von einer symbolischen Identifikation", so Dont Rhine. "Das war also unsere Ausgangsfrage und wir haben dann herausgefunden, dass wir mit zunehmender Beziehungsdauer zu einer Gruppe sozial Benachteiligter auch immer besser das Wesentliche aus dem aufgenommenen Material herausdestillieren konnten, um diesen herausdestillierten Klang schließlich in eine abstrakte Klanglandschaft einzubetten."

Begegnung im Zeichen des Klang
"Wenn zwei Objekte zusammenkommen", und dem sei hinzugefügt: insbesondere wenn zwei Subjekte zusammen kommen, "dann entstehen Klangwellen", so steht es in dem Text "Entering A Public Space" von Ultra-red auf deren Homepage zu lesen. Das sei wahre Ambientmusik. Auch wenn Dont Rhine diesen ehemals in die Welt gesetzten Gedanken heute als "ein wenig biblisch" abtut, so ist das sich darum rankende Bild doch letztendlich ein sehr schönes. Entstanden sei es Ende der 1990er Jahre, als sie sich gerade besonders intensiv für sozialen Wohnbau stark gemacht haben, erzählt Rhine.

"Und natürlich stellt man unmittelbar fest, dass man ohne Menschen keine Tonaufnahme von einem sozialen Wohnbau machen kann, denn dann würde man auf dieser ja lediglich den Klang der nahe gelegenen Autobahn hören", erläutert Dont Rhine. "Diese wirklich sehr simple phänomenologische Entdeckung lieferte uns einen Hinweis darauf, wo eine Beziehung zwischen dem sozialen Raum und dem theoretischen Diskurs zu Ambient Musik hergestellt werden könnte. Um den Klang eines Raumes aufnehmen zu können, muss dieser genützt werden. Nur in benützten Räumen lässt sich eine Klangeinheit finden, die man isolieren kann, um damit einen Reflexions- und Diskussionsprozess anzuregen. Diese Klangeinheit kann man dann dem Klang der Bulldozer gegenüberstellen, um schließlich zu entscheiden, welchen von beiden Klängen man behalten möchte."

Neue Perspektive auf die Ernüchterung
Als Ultra-red Mitte der 1990er Jahre gegründet wurde, wogte eine Welle der Hoffnung durch die Popkultur. Abermals glaubte man mit dem Aufkeimen von Techno, House und Ambient eine Musik gefunden zu haben, die die Kraft hat, die Welt zum Besseren zu verändern. Die letzten beiden Jahrzehnte brachten dann aber vor allem Ernüchterung, so Manuela Bojadzijev, die über Kanak Attak zu Ultra-red gestoßen ist.

Manuela Bojadzijev: "Und ich glaube, dass Ultra-red auch in diesem Zusammenhang interessant ist, weil Ultra-red eine Möglichkeit aufzeigt, wie ein bestimmter Weg eingeschlagen und eine bestimmte Perspektive eingenommen werden kann."

Hör-Tipp
Zeit-Ton, Donnerstag, 10. Juli 2008, 23:00 Uhr

Links
Ultra-red
Public Records
Tate Modern - Ultra-red