Grundsätzlich und speziell
Monsterbekämpfungsgedanken
Manchmal könnte man wirklich verzweifeln, wenn man wachen Geistes in die Gegend schaut: Monster, überall! Nein, ich bin nicht paranoid. Noch nicht. Aber: Das offensichtlich Harmlose hat für mich längst seinen unschuldigen Schein verloren!
8. April 2017, 21:58
Ich lese gerne Krimis. Daher stürzte ich mich, bildlich gesprochen, auch auf den jüngsten der Ludlum-Nachfolger, "Das Moskau Virus", und traute meinen Ohren nicht, als ich aus den Nachrichten von Einmarsch der russischen Truppen in Georgien hörte: das Szenario meines aktuellen Krimis! Und traute meinen Augen nicht, als ein Geschenk meiner vierbeinigen Mitbewohner an mir und meinem Lesesessel vorbeischlenderte, sich kurz aufrichtete, um mir prüfend ins Gesicht zu schauen, um sich dann auf die Lehne unseres Sofas zu verziehen. Kurzfristig, denn mein empörter Aufschrei: "Nein, nein, nein!" verschreckte das arme Tier offensichtlich. Huschhusch, weg war es.
Wahrscheinlich habe ich einmal "Ach, ist die süüüß, schau mal!" gesagt, als ich meinen Kater von der Bürde, eine noch lebende, aber geschockte Maus in unserer Küche zu erledigen, befreite. Das geht normalerweise relativ leicht: ein gezielter Wurf mit einem Handtuch, schon kann man das Mäuschen gefahrlos hochnehmen und hinaus aufs nachbarliche Feld transportieren. Und, ehrlich, die Mäuschen mit den großen Ohren, die sind ja wirklich süß, oder?
Seither habe ich ein Problem: Ich kann es meinem großen Kater einfach nicht abgewöhnen, Spielvorrat in unserem Wohnzimmer zu deponieren. Spielvorrat für mich, wohlgemerkt, denn eine einmal verschenkte Maus rührt er nicht mehr an.
So komme ich - in der letzten Zeit immer öfter - alle paar Wochen dazu, mich im Handtuchwerfen zu üben. Und es sind wirklich immer die mit den großen Ohren, die er mir spendiert. Eigentlich müsste ich es ja schon an seinem "Frrrrauuuu"-Ruf hören, mit einer Maul voll Maus klingt das immer so erstickt. Aber kaum habe ich den Ruf identifiziert, liegt mir auch schon das Geschenk zu Füßen, mein Kater setzt sich ein paar Schritte weg in Beobachtungspose und wartet auf meinen Einsatz.
Vor elf Tagen aber, da dürfte ich die Bescherung verpasst haben. Keine Chance mit Handtuch. Seither habe ich ein Problem. Das Tier, wahrscheinlich gewarnt durch seine Vorgänger, hat sich nie solange gezeigt, dass das bereit gelegte Handtuch zum Einsatz hätte kommen können. Also muss eine Mausefalle aufgestellt werden. Meine Überraschung war groß: Am nächsten Morgen war der Speck gefressen und die Mausefalle leer. Also Gift (oh nein, ich bin nicht gemein. Ich will nur nicht mit einer Maus im Wohnzimmer leben!!!). Rosa Getreidekörner, absolut zuverlässig, hat man mir im Fachgeschäft versichert. Jeden Abend seither lege ich an zwei gut sichtbaren Stellen in meinem Wohnzimmer je zehn dieser Körner aus. Jede Nacht seit nunmehr neun(!) Tagen vertilgt dieses Mausemonster die rosa Giftkörner. Und ist immer noch nicht tot. Wer weiß, vielleicht ist diese rosa Farbe eine Art Mäuse-Kugelfisch? Und die Mäuschen, die sich bei mir einnisten, machen Abenteuerurlaub?
Mein Katzen-Erziehungs-Ratgeber schweigt sich zu meinem Problem aus. Unter dem Stichwort "Funktionsstörung: Katze bringt Maus nach Haus" ist lediglich folgender Rat zu finden: "Katze nicht mehr alleine aus dem Haus lassen"! Können vor Lachen!!! Diesen Terror tu ich mir nicht auch noch an! Aber was sollen Autoren, die ihr Katzenbuch mit dem hübschen Untertitel "Inbetriebnahme, Wartung und Instandhaltung" versehen, schon über Katzen wissen?
Übrigens Abenteuerurlaub: Kennen Sie schon den neuesten Sherlock Holmes? Er spielt im Winter 1888 in Wien! Beleuchtet eine sehr traurige Episode der österreichisch-ungarischen Geschichte, den immer noch ungeklärten Tod von Kronprinz Rudolf. Sehr spannend, Sherlock Holmes und Dr. Watson durchs alte Wien zu verfolgen, Abenteuerurlaub für - von Mäusemonstern - angegriffene Nerven.
Unter Garantie werden aber Ihre Nerven leiden, wenn Sie für die nächste Zeit einen Urlaub in Süditalien geplant haben. Ich würde Ihnen raten, Süditalien zu meiden. Der Monster wegen. Oder sind Sie Extrem-Urlauber? Dann hätte eine Reise ins Reich der Camorra einen gewissen Reiz für Sie? Setzen Sie auf jeden Fall folgende Dinge auf die Liste der mitzunehmenden Dinge: Strahlenschutzanzug, Gasmaske, kugelsichere Weste, Nachtsichtgerät.
Und vergessen Sie den Reiseführer nicht, egal, ob als Hörbuch oder als handgreifliches Exemplar: Roberto Saviano verrät Ihnen in seinem für ihn lebensgefährlichen Buch "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" nicht nur, wo illegale Mülldeponien zu finden sind. Wenn Sie dieses Buch gelesen beziehungsweise gehört haben, werden Sie nie mehr wieder gänzlich ohne Misstrauen auf harmlose Wohlhabende oder Reiche aus unserem Lieblingsnachbarland zugehen können. Wie gesagt: Die Monster sind unter uns. Manche von ihnen sind nur Gift verdauende Mäuschen.
Tipp
Ö1 Kolumnen können seit 1. September im Rahmen der Ö1 Podcast nachgehört werden. Alle Sendungen des kostenfreien Radio-Abos finden Sie hier.
Buch-Tipps
Robert Ludlum und Patrick Larkin, "Das Moskau Virus", Heyne Verlag
Dr. David Brunner und Sam Stall, "Die Katze. nbetriebnahme, Wartung und Instandhaltung, Sanssouci
Gerhard Tötschinger, "Sherlock Holmes und das Geheimnis von Mayerling, Amalthea
Roberto Saviano, "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra", Carl Hanser Verlag
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Hörbuch-Tipp
Roberto Saviano, "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra", gelesen von Heikko Deutschmann, HörbucHHamburg
