Wahlkampfschlager Teuerung
Inflation
Die Teuerung ist das große Thema dieses Wahlkampfs. Dabei liegt die Inflationsrate im historischen Vergleich nicht ungewöhnlich hoch. Entscheidend aus Sicht der Ökonomen ist, ob sich Preise und Löhne in etwa gleich entwickeln.
8. April 2017, 21:58
Die Teuerung ist das große Thema dieses Wahlkampfs. Die Parteien überbieten einander mit Vorschlägen, wie man die Auswirkungen der Teuerung mildern könnte.
Beispiel Türkei
Dabei liegt die Inflationsrate mit rund 3,5 Prozent im historischen Vergleich nicht hoch. Wirtschaftswissenschafter meinen, Zeiten mit hoher Inflation müssen nicht wirtschaftlich schlechte Zeiten sein. "Steigen die Preise um 10 Prozent und steigen die Einkommen um zehn Prozent, passiert gar nichts", sagt Peter Rosner, Vorstand des Instituts für Volkwirtschaftslehre an der Universität Wien, "Die Türkei hatte sehr lange Zeit hohe Inflationsraten und hat sich trotzdem wirtschaftlich sehr gut entwickelt. Sinkende Preise, wie in den 1930er Jahren in Europa, bedeuten hingegen, dass sich die Wirtschaft nicht weiterentwicklt und schrumpft".
Preise als Indikatoren
Langjährige Länderstudien haben gezeigt, dass eine Inflation bis rund zwei Prozent mit gutem wirtschaftlichen Wachstum einhergeht, bei mittleren Inflationsraten zwischen zwei und fünf Prozent ist kein merkbarer Einfluss auf das Wachstum zu verzeichnen, erst darüber wird die Teuerung zum Problem.
Entscheidend ist nicht nur die Höhe der Inflation, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich Preise ändern. Eine sich beschleunigende Inflation bedeutet, dass der Preis im Spiel von Angebot und Nachfrage seine Signalwirkung verliert. Man kann nicht mehr sagen, ob der Preis für Gut A steigt, weil Gut A knapp wird oder besser ist als vergleichbare Produkte - oder ob Gut A teurer wird, weil alles teurer wird. "Dadurch kann es zu falschen Investitionsentscheidungen der Unternehmen kommen", sagt Josef Baumgartner, Inflationsexperte des Wirtschaftsforschunginstitut. Werden in Folge Produkte produziert, die sich nicht verkaufen lassen, hemmt das die wirtschaftliche Leistung und kann in weiterer Folge zu höherer Arbeitslosigkeit führen.
Negative Rückkopplung
Für die Konsumenten bedeutet Inflation einen Kaufkraftverlust, wenn die Preise schneller und stärker steigen als die Löhne und Gehälter. Dadurch komme es zu unerwünschten Umverteilungseffekten, sagt Volkswirt Rosner, mit der Gefahr, dass eine sogenannte Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt wird. Zum Ausgleich des Preisanstiegs werden hohe Lohnabschlüsse gefordert und erzielt, die Unternehmen geben diese gestiegenen Kosten in Form von höheren Preisen weiter, die Gewerkschaften fordern noch höhere Löhne und so weiter. Zu diesem Zweitrundeneffekt ist es nach den Ölpreisschocks in den 1970er Jahren gekommen - und war ein Grund für den darauffolgenden wirtschaftlichen Abschwung und die hohe Arbeitslosigkeit.
Gefühlte Inflation
Als besonders ungerecht wird Inflation empfunden, wenn der Anstieg des Preisniveaus - wie in den vergangenen Monaten - von täglich notwendigen Gütern ausgeht - von Lebensmitteln und Energie. Davon sind alle betroffen, relativ verlieren Bezieher niedriger Einkommen mehr, da sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für lebensnotwendige Güter aufwenden müssen. Daraus entsteht der Eindruck, dass die Inflation höher ist als die offiziell ausgewiesene Inflationsrate. Dieses Phänomen der "gefühlten Inflation" ergibt sich laut Motivforscherin Sophie Karmasin zum einen daraus, dass Negatives stärker wahrgenommen wird als Positives und Inflation mit der Angst verbunden ist, etwas zu verlieren. Zum anderen nimmt man Preisänderungen bei Produkten, die man täglich konsumiert, stärker wahr, als etwa bei PCs oder Autos.
Methoden der Geldpolitik
Da das, was der Mensch fühlt, immer seiner Wahrheit entspricht, kann man dem Phänomen der gefühlten Inflation kaum - und wenn dann nur langfristig - entgegenwirken, sind sich die Experten einig. Im Gegensatz dazu lässt sich die reale Inflation kurzfristig bekämpfen - und zwar über die Geldpolitik durch eine Verknappung des Geldangebots und Erhöhung der Leitzinsen durch die Zentralbanken, die EZB in Europa oder die Fed in den USA. Steigen die Zinsen, werden Kredite teurer, Unternehmen und Konsumenten geben weniger aus, die Nachfrage geht zurück und damit der allgemeine Preisdruck, die Geldmenge sinkt. Das bremst zwar die Inflation, die Kehrseite der Medaille ist, dass das Wirtschaftswachstum gebremst wird - wie nach den Zinserhöhungen in Folge der Ölpreisschocks Ende der 1970er Jahren - und die Arbeitslosigkeit steigt. Vor dem Widerspruch, wegen der gestiegenen Inflation die Zinssätze erhöhen, sie wegen der Eintrübung der Konjunktur senken zu wollen, stehen die Zentralbanken weltweit auch heute.
Über die Geldpolitk hinaus gibt es wenige Möglichkeiten, die Inflation kurzfristig zu beeinflussen. Langfristig kann man den Wettbewerb erhöhen und politische Schwerpunkte setzen, etwa dem gestiegenen Ölpreis mit dem Ausbau alternativer Energieformen entgegenwirken. Darüber hinaus bleibt den Nationalstaaten nur die Möglichkeit, negative Folgen der Inflation mit sozialpolitischen Maßnahmen abzumildern. Diese Maßnahmen müssten zielgerichtet sein, sagt Inflationsexperte Josef Baumgartner. Wenn das Füllhorn über alle ausgeschüttet werde, müssten später alle bezahlen. Schließlich müsse das Geld, das der Staat ausgibt, irgendwo herkommen.
Hör-Tipp
Saldo, Freitag 26. September 2008, 9:45 Uhr
Links
Statistik Austria
Wirtschaftsforschungsinstitut
Institut für Höhere Studien
Wirtschaftsuniversität Wien
