Wie Wörter Politik machen

Im Alltag setzen wir uns mit Dos und Don'ts auseinander, aber: Wie gehen wir sprachlich mit Minderheiten, wie mit behinderten Menschen um? Wie spreche ich politisch korrekt? Und ist dem einzelnen Sprecher eine gerechtere Sprache wirklich ein Anliegen?

Kennedy-Brücke, Schillerplatz und Karl-Renner-Ring. Das Stadt- und Menschenbild eines Passanten wird von den männlichen Ortsbezeichnungen, auf die er auf Schritt und Tritt trifft, wenn auch nur unbewusst, geprägt werden.

Rosa-Luxemburg-Park, Maria-Theresien-Straße, Ingeborg-Bachmann-Chaussee. Die Passantin, die durch eine solche Stadt schlendert, fühlt sich wahrscheinlich anders. Wobei die männlichen Passanten, machen wir's einmal umgekehrt, mit der weiblichen Form mitgemeint sind. Ungewohnt?

Mehrfachbesetzung der Begriffe

Bilder prägen eben. Sichtbare wie sprachliche. Was die politische Sprache angeht, ist seit den 1920er Jahren eine deutliche Veränderung auszumachen. Damals war bei jedem Satz klar, von welcher Partei ein Text oder eine Rede stammt. In den letzten Jahrzehnten verwenden mehrere Parteien dieselben Ausdrücke, um möglichst viele Menschen anzusprechen.

Genau diese Mehrfachbesetzung führt zur Uneindeutigkeit. Die Sprache wird schwammig, die Begriffe ungenau, die Aussage mehrdeutig. Auf der anderen Seite dringen Wortungetüme in Form von Killerphrasen in unseren Alltag vor, die so tun, als seien sie immer da gewesen. Und darüber hinaus unangreifbar.

"Der Markt" zum Beispiel ist ein solches Wort, das mehr als ein bloßer Begriff ist. Bis zur Finanzkrise, also bis vor wenigen Wochen, beriefen sich alle auf ihn als ein selbstfunktionierendes Regulativ. Dass er auch für den Umbau des Sozialstaates stand und "tiefgreifende Reformen" entschuldigte, die Arbeitslosigkeit und mehr zur Folge hatte, entspricht einem Denken, das womöglich erst jetzt in Frage gestellt wird und einen Diskurs darüber erlaubt.

Abbild der Wirklichkeit

Natürlich wird sich die Sprache je nach Handlungsfeld verändern. Ob in Gesetzgebung, politischer Administration, innenpolitischer Meinungsbildung, zwischenpolitischer Diplomatie und anderen mehr. Am heftigsten fällt sie wohl im Bereich der politischen Werbung und Kontrolle aus.

Wenn Mehrheitsparteien vage in den Aussagen bleiben, um möglichst viele Wähler der Mitte anzusprechen, ist das genauso Sprachpolitik wie die Entscheidung, Antidiskriminierungsgesetze zu erlassen, weil in Inseraten "keine Ausländer" bei Job- und Wohnungssuche zum Zug kommen. Minderheiten können sprachlich verfolgt oder totgeschwiegen werden. (Un)absichtlich ist bis heute von Leuten, die "herumzigeunern" und "getürkten" Zahlen die Rede. Den Murl hat man auch nie böse gemeint und das Neusprech ist viel zu kompliziert.

Dabei, meint der Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia, wäre es ganz einfach: Begriffe, die das Gegenüber beleidigen, sagt man nicht. Dann gäbe es selbstverständlich keine Neger mehr und keine Diskussionen über den Gebrauch von Zagreb statt Agram. Ja, und dann hätte Elias Canetti womöglich zumindest in diesem einen Punkt Unrecht, wenn er schreibt: Es gibt keine größere Illusion als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen.

Hör-Tipps
Alle Sendungen des Ö1 Dossier Sprache in oe1.ORF.at

Radiokolleg, Montag, 13. Oktober, bis Donnerstag, 16. Oktober 2008, 9:05 Uhr

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