Christel Goltz (1912-2008)

Von Wien in die Welt

20 Jahre lang zählte Christel Goltz zu den prominentesten Künstlerinnen der Staatsoper. Mit der Wiener Staatsoper als Stammsitz entwickelte sich ihre Weltkarriere. Am 14. November 2008 ist die Sopranistin im Alter von 96 Jahren gestorben.

Ausschnitt aus "Elektra" mit Christel Goltz

Die Stimme von Christel Goltz wirkte (...) durch ihre glasklare Diktion und ihre absolute Sicherheit und Souveränität bis in die höchsten Lagen. Ihrem expressionistischen Gesangsstil kam neben der Salome vor allem die Elektra entgegen. Bis hin zum orgiastischen Schlusstanz hielt sie in dieser Partie das Publikum in atemloser Spannung.
(Walter Herrmann, 2007)


"Eine schießwütige Salome feiert Neunzigsten“ - so lautete die Schlagzeile auf der Kulturseite der "Presse“ im Juli 2002, als Christel Goltz ihren 90. Geburtstag feierte. Wie immer hatte die bis zuletzt kunstinteressierte und geistig rege Opernlegende nämlich eine schlagfertige Antwort parat gehabt, als man sie aus diesem Anlass um ihre Meinung über heutige Opernregisseure gefragt hat: "Von zehn würde ich neun erschießen. Ich habe nie einen Regisseur gebraucht. In dem Moment, wo ich auf die Bühne trat, war ich einfach die Person, die ich zu singen hatte." Keine Frage, dass sie mit dieser Aussage - mehr als drei Jahrzehnte nach ihrem Bühnenabschied - noch neue Verehrer dazu gewonnen hat.

Artisten-Tochter

Geboren wurde Christel Goltz am 8. Juli 1912 in Dortmund, wobei Dortmund als Geburtsort aber eher Zufall gewesen ist, denn ihre Eltern waren Artisten, und so kam beispielsweise ein Bruder von ihr in Ungarn zur Welt, eine Schwester in Russland und eine andere in Amerika. Ausgebildet wurde sie in München, zunächst als Tänzerin, was ihr später – nicht nur als Salome, sondern ganz allgemein - durch eine ganz besondere Körpersprache zugute gekommen ist.

Daneben aber hat sie Gesang studiert, und ihre ersten Engagements haben auch beides von ihr verlangt: Tanzen und Singen. Erste richtige Karrierestation - mit 23 - war das Stadttheater Fürth, danach wechselte sie nach Plauen, und dort erreichte sie schon bald ein Ruf der renommierten Dresdener Oper, deren Geschicke damals Karl Böhm lenkte.

Wiener Staatsoper als Stammsitz

Nach dem Krieg war sie auch sehr viel in Berlin beschäftigt, sowohl im Osten wie im Westen. 1950 aber landete sie endlich in Wien – wo sie in den Kriegsjahren bereits gastiert hatte - und von hier aus, von der Wiener Staatsoper als Stammsitz, entwickelte sich schließlich ihre Weltkarriere: an der MET, am Covent Garden, an der Scala, in Rom, Paris und so weiter.

20 Jahre lang zählte Christel Goltz zu den prominentesten Künstlerinnen der Staatsoper, hat hier 28 Rollen gesungen in 430 Vorstellungen: Mozart, Beethoven, Verdi, Puccini, Wagner, vor allem aber je 57 Mal ihre beiden Paradepartien von Richard Strauss: Salome und Elektra.

Wahrheit statt Wohlklang

"Die Bedeutung der Sängerin Christel Goltz lässt sich nicht einzig und allein vom akustischen Eindruck her beurteilen", schrieb Clemens Höslinger als fachkundiger Zeitzeuge in einer Würdigung der Künstlerin

Sie war die geborene Sing-Schauspielerin, Gesang und Aktion stellten bei ihr eine untrennbare Einheit dar. Es gab nur wenige Opernsängerinnen, die ihr an Prägnanz und Schärfe der künstlerischen Individualität nahe kamen. Nicht gesanglicher Wohlklang, Ohrenschmeichelei waren ihre Stärke, sondern Wahrheit, Härte, Überzeugungskraft des Vortrags. Die Stimme der Künstlerin war von metallischem Klang, stets wie in geheimer Unruhe vibrierend, trotz schlanker Führung überaus tragfähig, sehr expansiv und mit gewaltiger Strahlungskraft in der hohen Lage. Dazu kam ein ungewöhnliches, überschäumendes Bühnentemperament. Christel Goltz war eine jener Künstlerinnen, die sich in jeder Opernpartie voll und ganz verausgabten. Dieser vollständige Einsatz aller künstlerischen Potenzen hat es mit sich gebracht, dass die von Christel Goltz dargestellten Bühnenfiguren noch immer im Gedächtnis vieler Operbesucher fortleben.

Christel-Goltz-Preis

Am 14. November 2008 ist die große Gesangstragödin in ihrer Wahlheimat Baden bei Wien gestorben. Sie wurde 96 Jahre alt. Die Goltz war Sächsische und Österreichische Kammersängerin, Ehrenmitglied der Dresdener und der Wiener Staatsoper. Seit 1992 vergibt die Stiftung zur Förderung der Semper-Oper jährlich einen zurzeit mit 5.000 Euro dotierten "Christel-Goltz-Preis“.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 18. November 2008, 15:06 Uhr