Bücher über den Meister des Grauens

Edgar Allan Poe

Am 19. Jänner 2009 beging die literarische Welt den 200. Geburtstag des Meisters des Grauens und der Detektivgeschichten. Wer Edgar Allan Poe gerne liest, sollte sich das eine oder andere aus diesem Anlass erschienene Buch nicht entgehen lassen.

Wenn jeder Autor, der ein Honorar für eine Geschichte erhält, die ihre Entstehung Poe verdankt, den Zehnten für ein Monument des Meisters abgeben müsste, dann ergäbe das eine Pyramide so hoch wie die von Cheops.

Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes, verneigt sich mit diesen Worten nicht nur vor Edgar Allan Poe als Erfinder der analytischen Kriminalerzählung, Poe gilt auch als Wegbereiter der Phantastischen Literatur, mit vielen seiner Gedichten wurde er zum Vorläufer symbolistischer Dichtung. Es gibt mit Sicherheit keinen anderen Autor, der in seine Werke gleichermaßen das logisch-mathematische Denken wie auch das Grauen der schwarzen Romantik und das Übersinnliche einfließen hat lassen. Nach seinem Tod weitgehend vergessen, entdeckte Charles Baudelaire das Poe'sche Oeuvre mit seinen Übersetzungen neu. Aber auch deutschsprachige Autoren, besonders Arno Schmidt und Hans Wollschläger, haben zum beständigen Ruhm Poes beigetragen.

Neue Werkausgabe

Edgar Allan Poe wurde am 19. Januar 1809 in Boston geboren. Somit jährt sich jetzt sein Geburtstag zum 200. Mal. Wer bislang nach einer Werkausgabe suchte, wurde nur antiquarisch fündig. Nun hat der Insel Verlag die aus den 1960er Jahren stammende Ausgabe des Walter Verlages in vier Bänden neu herausgebracht. Die meisten Übersetzungen der Texte Poes stammen von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Das garantiert höchste Qualität.

Ebenso gilt das für die Ausstattung: Die vier Bände - über 4.200 Seiten - sind in grau schillerndes Leinen gebunden, Dünndruckpapier mit Fadenheftung, Lesebändchen, umfangreicher Kommentarteil und Inhaltsverzeichnisse machen die Insel-Ausgabe zu einem Leseerlebnis - und zu einem perfekten Geschenk!

Verräterisches Herzklopfen

Im Hörbuchbereich hat sich vor allem Bastei Lübbe für Poe ins Zeug gelegt. Hier gibt es eine Hörspielserie in über 30 Folgen mit Iris Berben und Ulrich Pleitgen in den Hauptrollen: Wer etwas näher am Original von Poes Erzählungen sein möchte, dem seien die Hörbücher von Argon empfohlen. In der neuesten Produktion spricht Christian Schmidt Poes Kurzerzählung "Das verräterische Herz". Der Erzähler, eine sehr reizbare Natur, erträgt das Auge eines alten Mannes nicht, weil es "das Auge eines Geiers" ist, wie Poe schreibt. Und nur wegen dieses hässlichen Auges will der Erzähler den alten Mann ermorden.

Die Tat gelingt und die Leiche des Alten wird unter den Brettern des Kammerfußbodens sachgerecht versteckt. Doch da das Opfer einen letzten Schrei ausgestoßen hat, haben die Nachbarn die Polizei allarmiert. Die Beamten durchsuchen die Räumlichkeiten - auch die Schlafkammer des Toten. Der Mörder ist siegessicher, da wohl niemand auf die Idee käme, den Fußboden aufzubrechen. So schwatzt der Mörder mit den Polizisten, ja, nötigt sie, ein wenig in der Kammer zu verweilen. Doch da passiert das Grausige: Das Herz des Alten wird für den Mörder hörbar. Es pocht und pocht und pocht - und das Pochen dringt immer stärker durch die Dielen in das Ohr des Mörders. Die Polizisten scheinen nichts zu hören.

Ohne Zweifel kann man eines sagen: Bei Poe hat der Wahnsinn Methode. Das Verbrechen wird genau geplant und gekonnt durchgeführt, doch dann bricht das metaphysische Grauen ins Geschehen ein. Dass dies aber so sein kann, liegt im wahnsinnigen Motiv der Tat begründet: Der alte Mann wird allein deswegen umgebracht, weil der Mörder dessen "Geierauge" nicht erträgt. Da findet gedanklich wie sprachlich eine Übertreibung, eine Wende ins Groteske statt.

Groteske und Satire

In seiner neuen Biografie "Edgar Allan Poe. Am Rande des Malstroms" greift der Anglist Hans-Dieter Gelfert diese Thematik auf: Nur einen kleinen Teil des Poe'schen Oeuvres würden die Detektiv- und Schauergeschichten ausmachen.

Mit den zwei Seiten ist der Dichter Poe aber erst zu einem kleinen Teil erfasst (...) und das, was nach weit verbreiteter Meinung sein obsessives Thema ist, nämlich die morbide Fixierung auf den Tod junger Frauen, findet sich in einem Viertel dieses Viertels. Der weitaus größte Teil seiner Erzählungen sind Satiren und Grotesken.

Das mag ja so sein, aber Poes Berühmtheit bis in unsere Tage machen eben die Detektiv- und Schauergeschichten aus. Doch beherzt man die Worte Gelferts, so kann man in nicht wenigen dieser Erzählungen groteske Elemente finden. Groteske und Grauen liegen bei Poe oft eng beieinander - die Erzählung "Das verräterische Herz" ist ein gutes Beispiel dafür. Und selbst auf Poes scharfsinnigen Privatdetektiv Auguste Dupin, der scheinbar unlösbare Fälle allein des Nachts oder in abgedunkelten Räumen und bei Kerzenschein analysiert, fällt zuzeiten das Licht der Satire.

Schöne, junge Frauen

Ganz anders verhält es sich mit einer berühmten und oft falsch verstandenen Aussage Poes.

Der Tod einer schönen Frau ist fraglos der dichterischste Gegenstand auf Erden.

Hier spricht Edgar Allan Poe aus eigener Erfahrung. 1836 heiratete der Dichter seine noch nicht 14-jährige Cousine Virginia. Man kann auch in Gelferts Biografie einiges darüber nachlesen: Nach Stand der Forschung hat Poes Verhältnis zu seiner so jungen Cousine nichts mit Pädophilie zu tun, sondern war getragen von echter Zuneigung, von Liebe. Als Virginia mit 24 Jahren starb, war Poe am Ende. Der Alkohol, sein ständiger Begleiter, nahm völlig Besitz von ihm. 1849, nur zwei Jahre nach Virginias Tod, starb auch der Dichter.

Aber das Grauen befällt den Poe-Kenner aus anderem Grund: Seit Mitte der 1830er Jahre schrieb Poe Erzählungen wie "Berenice", "Morella" oder "Elenora", in denen junge, schöne und äußerst intelligente Frauen sterben, aber wiederkehren und so den Geliebten über den Tod hinaus in ihrem Bann halten. Fast meint man, dass Poe in diesen Geschichten gegen den Tod seiner eigenen Frau angeschrieben hat - allerdings zu einer Zeit als diese noch ganz gesund war.

700 Seiten Biografie

Wer nun als Leser auf den Geschmack gekommen ist und so ziemlich alles wissen will, was man im Lauf der Jahre über Poe zusammengetragen hat, der wird an Frank T. Zumbachs über 700 Seiten starker Biografie nicht vorbeikommen. Leben und Werk sind ineinander eng verzahnt, man erfährt sehr viel über die Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts und versteht, weswegen es Poe im puritanischen Amerika so schwer hatte. Zumbachs Buch endet mit einer seltsamen Begebenheit, die erzählt, weswegen Poes Grab lange Zeit keine Grabstein hatte.

Der Grabstein wurde - merkwürdig genug - durch einen entgleisenden Zug zerschmettert, dessen Schienen am Grundstück des Steinmetzen entlangliefen.

"Merkwürdig genug", schreibt Zumbach. Genau diese Merkwürdigkeiten machen die Faszination von Edgar Allan Poe und seinem Werk aus. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Mehr zu Edgar Allan Poe in ORF.at

Mehr zu "Der Rabe" in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipps
Edgar Allan Poe, "Sämtliche Erzählungen in vier Bänden", aus dem Englischen übersetzt von Arno Schmidt, Hans Wollschläger und anderen, Insel Verlag

Hans-Dieter Gelfert, "Edgar Allan Poe: Am Rande des Malstroms", C. H. Beck

Frank T. Zumbach, "E. A. Poe: Eine Biographie", Patmos

Edgar Allan Poe, "Unheimliche Geschichten", Anaconda Verlag

Hörbuch-Tipps
Hörspielserie mit Texten von Edgar Allan Poe, Bastei Lübbe

"William Wilson & Das verräterische Herz", Hörspiel nach Edgar Allan Poe, Argon

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