Gebieter der Zeit

Hans Hotter zum 100. Geburtstag

Am 19. Jänner jährt sich der Geburtstag des Sängers Hans Hotter zum 100. Mal. Er zählt zu den absoluten Phänomenen der Gesangskunst und galt gleich für mehrere Generationen als quasi zeitlose Erscheinung des europäischen Kulturlebens.

Auf der Opernbühne war er von Stimme und Erscheinung her ein Gigant im wahrsten Sinne des Wortes, als Konzert- und Liedersänger beeindruckte er hingegen vor allem durch seine Natürlichkeit und überraschte immer wieder auch mit leisen Tönen. Ohne Zweifel gehört Hans Hotter zu den absoluten Phänomenen der Gesangskunst und galt gleich für mehrere Generationen als quasi zeitlose Erscheinung des europäischen Kulturlebens.

Reich dokumentierte Karriere

Was ist in den letzten Jahrzehnten über Hans Hotter nicht alles geschrieben und berichtet worden von Musikschriftstellern, von Kritikern, von Dirigenten, von Sängerkollegen? Geradezu Hymnisches gibt es ebenso wie zuweilen auch Kritisches, es gibt mehrere biographische Publikationen über ihn und auch von ihm selber, desgleichen existieren unzählige Interviews und zum Glück auch relativ viele Schallplatten und Mitschnitte, eigentlich sogar mehr als von seinen heutigen Nachfolgern.

Dabei muss jedem Konsumenten dieser Tonträger aber eines klar sein: das Gesamtspektrum der Künstlerpersönlichkeit von Hans Hotter wird - wie in vielen ähnlich gelagerten Fällen - wohl immer nur der ermessen können, der Hotter zumindest einmal auf der Bühne oder am Podium erlebt hat.

Jahrhundert-Wotan

"Es ist stets schwierig, vorauszusagen, wie Hotter an einem Abend wirken wird" schildert Alex Natan Hotters Wotan in der Walküre, der als seine Lebensrolle galt, und dessen Rollengestaltung Natan über zwei Dekaden lang mitverfolgt hat:

Im 2. Akt füllte Hotters mythische Größe die Bühne, wobei ihm die eigene physische Statur und die sachverständige Verwendung des Speeres zu Hilfe kamen. Aber in der Begegnung mit Fricka begannen Zweifel aufzusteigen, ob dieser Allvater wirklich als Diktator in Walhall herrscht. In der Erda-Erzählung verschwand allmählich die Vorstellung vom nordischen Übermenschentum. Es wurde dann ein unvergesslicher Augenblick, als Hotter mit ausgestreckten Armen, einem Christus nicht unähnlich, die Worte sang, nein, mit einer nie gehörten Erschütterung flüsterte: 'Das Ende…..das Ende'. Im 3. Akt zeigte Hotter dann die enorme Reichweite seiner Deutungskunst. In den zornigen Ausbrüchen war er wieder ganz der Gott, um in den zarten, mitleidsvollen Äußerungen an Brünnhilde den leidenden Menschen zu zeigen, der aus den Bezirken des Amfortas stammte. Nach dem Abschied und während des Feuerzaubers schien Hotter eine seelische Kreuzigung erlitten zu haben.

Breites Bühnen-Repertoire

Nichtsdestoweniger darf Hans Hotter aber nicht nur als Wagner-Sänger abgestempelt werden. Sein Rollenverzeichnis umfasste rund 120 Partien, darunter natürlich das gesamte einschlägige Mozart- und Verdi-Fach, aber auch Händel und Beethoven, Mussorgskij, Bizet und Offenbach, die italienischen Veristen und ihre deutschen Antipoden wie Pfitzner und insbesondere Richard Strauss, der mehrere Rollen Hotter auf den Leib geschrieben hat.

Ganz besonderen Spaß haben Hotter immer wieder auch komische Charaktere gemacht, angefangen vom Verdi'schen Falstaff bis zum Gianni Schicchi, und von seinem köstlichen Don Basilio in Rossinis Barbier existiert zum Glück sogar eine Fernsehaufzeichnung (neben Erika Köth, Fritz Wunderlich und Hermann Prey).

Winterreise in aller Welt

Was der Wotan für Hans Hotter auf der Opernbühne war, gilt in vielleicht noch größerem Ausmaß für Schuberts Winterreise auf dem Konzertpodium. Ein halbes Jahrhundert lang hat er diesen Liedzyklus in mehr als 120 Konzerten in aller Welt gesungen – vier offizielle Plattenaufnahmen davon liegen vor, unzählige Kritiker und Bewunderer haben sich mit seinen Interpretationen beschäftigt. Hotters eigene Erfahrungen mit der Winterreise, "der genialsten Melancholie aller Zeiten"- fallen in seinen Erinnerungen hingegen äußert knapp aus, liefern allerdings vielleicht das Geheimnis seines Erfolges gerade mit diesem Zyklus:

Der beinahe volksliedhafte Grundcharakter der Winterreise bleibt nur erhalten, wenn man ihm mit Einfachheit unter völliger Hintansetzung einer eigenwilligen Ausdeutung begegnet. Die wahre Persönlichkeit des nachschaffenden Künstlers zeigt sich am wirksamsten in der Unterordnung unter den Willen des Autors.

Pädagoge und Regisseur

Bis zu seinem Tod hat Hans Hotter als gesuchter Pädagoge gewirkt, als weiser Ratgeber für unzählige, auch selbst schon längst renommierte Künstlerinnen und Künstler.

Nicht vergessen werden dürfen auch seine Leistungen als Regisseur. Bereits 1954 hat er sich erstmals in diesem Metier versucht (Siegfried in Straßburg) und diese Tätigkeit ab den 60er Jahren dann auch verstärkt und sehr erfolgreich wahrgenommen, unter anderem in London, in Paris, München, Bayreuth usw. Ein Wort Goethes, das er auch in seinen Memoiren zitiert, hat ihm dabei als Motto gedient:

Die Kunst gibt sich selbst Gesetze und gebietet der Zeit, der Dilettantismus folgt der Neigung der Zeit.

Hör-Tipp
Apropos Oper, Dienstag, 20. Jänner 2009, 15:06 UHR

Buch-Tipps
Alex Natan, "Primo Uomo", Basilius Presse, 1963

Bernd W. Wessling, "Hans Hotter", Schünemann, 1966

Penelope Turing, "Hans Hotter", Neff, 1983

Hans Hotter, "Der Mai war mir gewogen", Kindler, 1996

Donald Arthur, "Hans Hotter", Northeastern University Press, 2006