Nachhaltig Reisen im Südwesten Indiens
Mission Kerala
Jahrzehntelang wurde der Fluss Nila im Norden Keralas ausgebeutet. Gopinath Parayil, der am Ufer des Flusses aufgewachsen ist, hat eine Mission: die Wiederbelebung des Flusses. Dazu hat er das Reiseunternehmen "The Blue Yonder" gegründet.
8. April 2017, 21:58
Wie an einer Perlenschnur aufgefädelt reiht sich am Straßenrand der Landstraße nahe Cheruthuruthy ein Lastwagen an den anderen. Die Fahrer sitzen geduldig in ihren originell bemalten Fahrerkabinen und warten, bis sie an der Reihe sind. Eine weitere Ladung Sand abzuholen, ist ihr Ziel. Der wird an vielen Stellen aus dem Flussbett des Nila im südindischen Bundesstaat Kerala gebaggert und danach zu diversen Baustellen der Region gebracht.
So sympathisch die LKW-Fahrer und so schön bemalt ihre Trucks auch sind, Gopinath Parayil ist ihr Anblick ein Dorn im Auge, denn dem Fluss wird durch die fortwährende Sandentnahme nach und nach auch das Wasser abgegraben. Anhand eines Fotos führt Gopinath das Problem drastisch vor Augen. Wo sich heute Gras und Buschwerk ausbreiten und eine unwirtliche Steppenlandschaft bilden, ist noch vor wenigen Jahren Wasser geflossen. Der Fluss, einst die wichtigste Lebensader Keralas, stirbt.
Mehr als eine Waschküche
Gopinath Parayil will den Nila retten. Seine Idee: Den Menschen, die entlang seinen Ufern leben, möchte er in Erinnerung rufen, dass der Nila mehr ist als eine Waschküche, eine Tränke und eine riesige Sandgrube. Das ruhig dahinfließende Wasser hat über Jahrhunderte das kulturelle Leben der ganzen Region beeinflusst und geprägt. Dieses Fluss-Bewusstsein möchte Gopinath stärken, indem er an nachhaltigem, verantwortungsvollem Reisen interessierte Touristinnen und Touristen zum Nila bringt.
Doch warum sollten Reisende aus Indien und dem Rest der Welt nach Kerala kommen, um einen sterbenden Fluss zu sehen? Gopinaths Rezept: Er will seine Gäste in die reiche Geschichtenwelt und die vielfältige Kultur der Menschen, die an seinen Ufern leben, eintauchen lassen.
Ein Signal
Gopinaths eigene Geschichte ist eine rührende: Die Tradition wollte es, dass er 2003 als ältester Sohn seiner Familie aus seiner damaligen Wahlheimat London zurückkehrte, um die Asche seines verstorbenen Vaters im Nila zu verstreuen. Doch dort, wo das stattfinden sollte, war kein Wasser mehr. Gopinath konnte seine familiäre Pflicht nicht erfüllen. Für ihn war das damals ein Signal, sein Leben umzukrempeln, in seine Heimat zurückzukehren und all seine Energie dem Fluss und seiner Rettung zu widmen.
"The Blue Yonder" heißt sein kleines Reiseunternehmen. Wer eine Reise zum Nila macht, hilft mit, den Fluss wiederzubeleben, meint er. Lokale Gemeinschaften werden unterstützt, deren Leben kulturell und ökonomisch eng mit dem Fluss verknüpft ist.
20 Prozent der Einnahmen, die "The Blue Yonder" verdient, fließen in die "Nila Foundation" und damit direkt zu den beteiligten Menschen am Fluss. Im Gegenzug werden den Besucherinnen und Besuchern Türen geöffnet, die sonst verschlossen bleiben: Sie besuchen Familien und kleine versteckte Werkstätten, tauschen Geschichten aus, erforschen Lebenswege oder lernen exotische Kunstformen und Lebenswelten hautnah kennen, etwa im "Kerala Kalamandalam", einer Art Kunstuniversität.
Streben nach Nachhaltigkeit
Das Reiseprojekt, das ob seines Strebens nach Nachhaltigkeit schon mit zahlreichen Preisen bedacht wurde, wächst. Jahr für Jahr interessieren sich mehr Reisende und Einheimische dafür. Trotzdem: Der Tourismus soll nur ein Nebenaspekt im Leben der Einheimischen bleiben, meint Gopinath. Dorfgemeinschaften, Familien oder Einzelpersonen haben auch das Recht "Nein" zu sagen, wenn sie ungestört bleiben möchten.
Service
Übersicht
- Reisen
