Corpus Delicti

In ihrem neuen Roman porträtiert Juli Zeh eine Gesellschaft, die immer mehr Kontrolle der Regierung überlässt und damit die Eigenverantwortung des Einzelnen ausschaltet. Von der Demokratie zur Diktatur ist es dann nur ein kleiner Schritt.

Hier stinkt nichts mehr. Hier wird nicht mehr gegraben, gerußt, aufgerissen und verbrannt; hier hat eine zur Ruhe gekommene Menschheit aufgehört, die Natur und damit sich selbst zu bekämpfen.

Anfangs scheint das Leben in Corpus Delicti ganz idyllisch - eine prächtige Landschaft, saubere Luft, ein strahlender Himmel - fast paradiesische Zustände. Krankheiten gelten als historisches Phänomen - Gesundheit ist das Credo der Gesellschaft, die sich mit "Santé" begrüßt und in der jeder Bürger einen perfekten gesunden Körper hat.

Diese Gesundheit wird mit der sogenannten "Methode" genauestens vom Staat überwacht und kontrolliert. Diverse Körperwerte werden ebenso gemessen wie die Nahrungszufuhr, der Schlaf genauso wie der Kalorienverbrauch. Täglich wird in dieser Gesundheitsdiktatur freudig desinfiziert und keimfrei gemacht.

Ohne Risiko und Nebenwirkungen

Wir haben eine Methode entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid. Zu diesem Zweck haben wir unseren Staat hochkomplex organisiert, komplexer als jeden anderen vor ihm. Unsere Gesetze funktionieren in filigraner Feinabstimmung, vergleichbar dem Nervensystem eines Organismus. Unser System ist perfekt, auf wundersame Weise lebensfähig und stark wie ein Körper - allerdings ebenso anfällig. Ein simpler Verstoß gegen eine der Grundregeln kann diesen Organismus schwer verletzen oder sogar töten.

Ein Staat, der sich fürsorglich um die Gesundheit kümmert und alle Risiken und Nebenwirkungen übernimmt, würde wohl auch bei uns gegenwärtig viele Befürworter finden, befürchtet Juli Zeh, weil "die quasi vergessen haben, dass das, was den Menschen ausmacht, ganz gewiss nicht die totale Kontrolle über sein Schicksal ist, sondern dass zu unserer Existenz gerade auch das schicksalhaft Schlimme zählen muss und kann. Also dass man, wenn man zu 100 Prozent versucht, alles zu Normen und alles richtig zu machen, am Ende keine Menschen mehr hat, sondern eine willenlose Herde von Objekten. Gerade diesen Irrtum aufzuklären, dazu ist dieses Buch angetreten."

Opfer der Methode

Folgedessen gibt es in Corpus Delicti Querdenker, die ihre persönliche Freiheit dieser Gesundheitsdiktatur vorziehen. Einer davon ist Moritz Holl. Ein naturverbundener junger Mann, der für das aufklärerische Denken des 19. oder 20. Jahrhunderts steht, für seine persönliche Individualität kämpft und die Methode als Verblendung betrachtet und folgedessen auch ablehnt. Moritz Holl wird zum Opfer dieser Methode, wird als vermeintlicher Mörder angeklagt und verurteilt - und begeht Selbstmord.

Unverständlich für seine Umgebung - unerklärlich für seine Schwester Mia, die durch Trauer und Erinnerungen von ihren täglichen Pflichten abgehalten wird: Sie reicht den Schlaf- und Ernährungsbericht nicht mehr zeitgerecht ein, führt die häusliche Blutdruckmessung und den Urintest nicht mehr durch und hat auch einen plötzlichen Einbruch in ihrem Leistungsprofil. Alles Gründe genug, um sich dafür vor Gericht verantworten zu müssen. Dabei gilt Mia Holl dort eigentlich als eine erfolgreiche Biologin mit einer Idealbiografie.

Ein "Zeichen von Dekadenz"

"Corpus Delicti" beschreibt diesen Prozess, dem sich Mia Holl stellen muss, ihre Beobachtungen und Erkenntnisse, und gibt einen Einblick in eine Dystopie, die vor allem in Gesellschaften denkbar ist, in denen alles sauber und sicher sein und funktionieren soll und sich der Staat um alles kümmert. "Das ist auf jeden Fall ein Wohlstandsphänomen und sicherlich auch ein Zeichen von Dekadenz", so Juli Zeh. "Das zeichnet außerdem eine Entwicklung weiter, die wir tatsächlich in Europa schon sehr lange haben, die nämlich immer davon ausgeht, irgendjemand wisse, was gut ist für die Bürger, aber nicht der Bürger."

Nicht einschlafen!

Juli Zeh vermittelt in diesem Roman, der den Untertitel "Ein Prozess" trägt, bestens ihr Wissen und ihr Interesse an der Rechtswissenschaft, deren Studium sie ja auch abgeschlossen hat. 2008 hat die junge deutsche Autorin gegen biometrische Reisepässe geklagt und einmal mehr wettert sie geegn den Überwachungsstaat. Aber noch nie hat sie es so gut gemacht.

"Wir sind stolz, mit Recht stolz darauf, dass wir seit einigen Jahrzehnten in Mitteleuropa gut funktionierende Demokratien haben", meint Zeh. "Ich denke schon, dass wir diesem System vertrauen. Wir haben das Gefühl, das sei die optimale Staatsform. Dass das mal wieder umschlagen könnte in ein totalitäres oder diktatorisches System, halten wahrscheinlich 90 Prozent der Menschen für komplett unwahrscheinlich. Und das ist gerade, was mich beunruhigt. (...) Also, wenn man einschläft und sagt 'Ach, läuft doch alles optimal, da kann gar nichts schief gehen', ist die Chance, dass eben doch was schief geht, umso höher."

Die Frage, ob sie mit einem Text fertig sei, würde sie immer verneinen, hat Juli Zeh in einem Interview gemeint. Man müsse ihr den Text immer wegnehmen. Im Fall von "Corpus Delicti" hätte man ihr den Text vielleicht noch etwas länger lassen müssen, denn in diesem mitreißenden und spannenden Buch, das durchaus an Orwells "Brave New World" erinnert, bricht das Ende etwas enttäuschend ab.

Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 19. April 2009, 18:15 Uhr

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Buch-Tipp
Juli Zeh, "Corpus Delicti. Ein Prozess", Schöffling Verlag

Link
Schöffling - Juli Zeh