Insel der Glückseligen im Umbruch
Galapagos des Indischen Ozeans
Rund 270 endemische Pflanzen soll es auf Sokotra, der nur 130 Kilometer langen und 35 Kilometer breiten jemenitischen Insel, geben. Seit 60 Millionen Jahren hat die Heimat der Drachenblutbäume keine Verbindung mehr zum Festland und blieb weitgehend isoliert.
8. April 2017, 21:58
Die Anreise ist beschwerlich: Beinahe einen Tag ist man von Wien nach Hadibou unterwegs. Kairo, Sanaa, Mukalla - drei Zwischenlandungen und stundenlange Wartezeit in eisgekühlten Flughafenhallen. Sokotra, die Insel der Glückseligen, diesen Sehnsuchtsort für viele Zivilisationsüberdrüssige, muss man sich erarbeiten.
Immerhin kann man sie nun per Flugzeug erreichen, bis in die 1990er Jahre war die Anreise nur per Schiff möglich, und das auch nur von Oktober bis Mai. Dann nämlich setzen die Monsunwinde ein und jeder Schiffsverkehr wird unmöglich. Auch heute noch kommt in den Sommermonaten der Fischfang, einer der Haupterwerbszweige der Inselbewohner, wegen der Böen in Orkanstärke völlig zum Erliegen.
Einsame, schöne Insel
Im Zuge des Auseinanderdriftens der arabischen Halbinsel und des afrikanischen Kontinents hat sich der 135 mal 35 Kilometer große Brocken aus Granit gelöst und liegt nun etwa 500 Kilometer südlich der jemenitischen Küste. Seit 60 Millionen Jahren hat er keine Verbindung mehr zum Festland. So blieben etwa 270 endemische Pflanzen erhalten, das Gebirge ist kaum erschlossen und die unglaublich weißen, von türkisblauen Meereswellen umspülten Korallensandstrände von Qalansia oder Er-Herr sind praktisch menschenleer.
In Ufernähe kann man Delfine beobachten. Auf dem Diksam-Plateau, auf einer Höhe von über 600 Meter, gedeiht im kargen Gestein ein ungewöhnlich großer Wald von Drachenblutbäumen. Diese, in der Inselsprache Sokotri "a'arhiuhb" genannte, Agavenart weist keine Jahresringe auf, daher ist es schwer, ihr Alter zu bestimmen. Das rote Harz, das Drachenblut, wird in der Volksmedizin als keimtötendes und blutstillendes Heilmittel verwendet.
Auch mehrere Weihrauch- und Myrrhearten, die einst im Jemen eine große wirtschaftliche Rolle spielten, sind auf der Insel zu finden. Im Frühling treiben die archaisch anmutenden Flaschenbäume auf ihren dickbäuchigen Stämmen zarte rosa Blüten.
Auch einige seltene Chamäleonarten, Skorpione und etliche endemische Vögel, wie der Sokotra-Star mit seinen schwarz-roten Flügeln, der Sokotra-Sonnenvogel mit seinem gebogenen Schnabel und eine besondere Bussardart gibt es auf der Insel. Unzählige Schmutzgeier halten sich quasi als Resteverwerter überall dort auf, wo Menschen sind.
Vor der menschlichen Besiedelung gab es auf Sokotra keine Säugetiere, die wurden erst später importiert. Die Korallenriffe vor der Küste sind das Habitat von rund 730 Fischarten in 283 Gattungen und 110 Familien. Ein Eldorado für Taucher und Taucherinnen.
Seit 2008 Weltnaturerbe
Damit Sokotra "das Galapagos des Indischen Ozeans" bleiben kann, stellte der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh per "Dekret 275 (Conservation Zoning Plan for the Development of Socotra) 73 Prozent der Inselfläche unter Naturschutz. Die Insel, auf der eine touristische Infrastruktur in Entwicklung begriffen ist, wurde zum Biosphärenreservat ernannt. Seit 2008 gehört die Insel auch zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Der Biologe und Ökologe Nadim Taleb arbeitet für das SCDP (Socotra Conservation and Development Programme) an einem Masterplan für die Insel, der Ökologie und Tourismus unter einem Hut bringen soll. Man setzt auf Ausbildung und Information der Bevölkerung. Naturführer und Jeep-Fahrer werden in Sachen Ökologie geschult und den naturinteressierten Touristinnen und Touristen zur Seite gestellt. Besonders die jungen Inselbewohner, die bislang mit ihren Eltern in der Landwirtschaft und im Fischfang ihr Auskommen finden mussten, bemühen sich zum Beispiel in der australischen Sprachschule um einen Ausbildungsplatz. Englisch ist der Schlüssel zur Zivilisation und zu einem gewissen Wohlstand. Auch junge Frauen, tief verschleiert mit der Burka, ergreifen diese Chance.
Beginnender Tourismus
Der Tourismus wird immer mehr zur Einnahmequelle. Allerdings hält sich alles noch im Rahmen, meint Nadim Taleb. Noch hat man den wachsenden Andrang im Griff. Etwa 3.000 Touristinnen und Touristen besuchen die Insel jährlich, die touristische Infrastruktur ist auf 5.000 ausgelegt.
Während sich Hotels ausschließlich in Hadibou befinden, werden die Öko- und Wandertouristinnen und -touristen in den geschützten Zonen in überschaubaren Zelt-Camps, die von Einheimischen betrieben werden, untergebracht. Die Inselbewohnerinnen und -bewohner sind sich bewusst, dass sie ihr Kapital, die Natur, bewahren müssen.
Eine gut ausgebaute Asphaltstraße entlang der Küste verbindet die Hauptstadt Hadibou mit dem Flughaufen und dem Osten und Westen der Insel. Hadibou ist zurzeit eine einzige Baustelle: Im Gegensatz zur bisherigen Trockenmauerbauweise wird neuerdings Stahl und Beton eingesetzt, Hotels und Restaurants entstehen.
Auch die medizinische Versorgung soll verbessert werden, ein Spitalneubau ist im Entstehen. Das kleine Hadibou General Hospital, das bislang einzige Spital für 65.000 Inselbewohnerinnen und -bewohner, ist völlig veraltet und platzt aus allen Nähten. "Help-Med.Yemen", ein österreichisches Hilfsprojekt, initiiert vom burgenländischen Apotheker Norbert Payer, versucht hier anzusetzen: Eine Augenklinik ist dringend nötig, neue Operationssäle, eine Mutter-Kind-Station. Schritt für Schritt soll dieses Vorhaben umgesetzt werden, Unterstützung ist hoch willkommen.
Service
Help-Med.Yemen, Spendenkonto: PSK 90.200.700
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