Jugendliche in der Schuldenfalle

Am Dienstag, dem 26. Mai 2009, fand im Siemensforum Wien eine weitere Podiumsdiskussion in der Reihe "Standpunkt" statt. Etwa 150 Schülerinnen und Schüler diskutierten mit fünf Fachleuten über den Umgang mit Geld - online nachzuhören im Ö1 Campus.

Es war ein Online-Erlebnis mit bösen Folgen, von dem die Gymnasiastin Alexandra Miladinovic bei der jüngsten "Standpunkt"-Diskussion berichtet hat. Ohne Argwohn hatte sie sich auf einer Seite zum Thema Ahnenforschung mit vollem Namen und korrekter Adresse angemeldet.

"Da stand nirgendwo etwas von eventuellen Kosten", versicherte sie, und wurde von der am Podium anwesenden Expertin, Barbara Amann-Hechenberger von "Saferinternet", einer Initiative für den Schutz von Internetbesuchern, bestätigt: "Leider ist das oft so, dass man keinen Hinweis auf Zahlungsmodalitäten findet. Das ist die klassische 'Internet-Abzocke', vor der wir zu warnen versuchen."

Und dann der Schock!

Ein paar Wochen später kam eine Rechnung über 200 Euro, und schon bald die obligatorischen Mahnungen. Alexandra Miladinovic reagierte richtig, sie erklärte ihrer Mutter die Situation und wandte sich an "Saferinternet".

Dort kennt man diese Praktiken und empfiehlt: "Nicht bezahlen!" Allerdings unbedingt unter Absprache mit den Experten. Oft sei es falsche Scham, die Jugendliche und deren Eltern veranlasse, den Forderungen nachzugeben.

Am Anfang steht die Handyrechnung

Alexander Maly von der Schuldnerberatung Wien warnte vor versteckten Kosten und den Lockangeboten von Handy-Betreibern. Nach dem Aufbrauchen des Gratis-SMS-Kontingentes kann es teuer werden.

"Kann man nichts dagegen machen, dass das alles so undurchschaubar ist", war die empörte Reaktion aus dem Publikum. "Selbst Verantwortung übernehmen", war das Fazit der Experten auf dem Podium. Das heißt, in der Schule und im Elternhaus müssen alle Möglichkeiten und Angebote genützt werden, um den Umgang mit Geld zu lehren und zu lernen.

Grundsätzlich sah der Schuldenexperte Alexander Maly die Jugendlichen selbst nicht als potentielle Schuldner. Eine Gefahr diagnostizierte er allerdings in den am Anfang oft noch geringen Belastungen, die in der Folge durch weitere finanzielle Nöte zu einer Schuldner-Biografie führen können.

Üben und Aufklären

Den Umgang mit Geld kann man üben. Gerald Solic praktiziert das seit zehn Jahren mit so genannten Übungsfirmen in Schulen, wo man das Führen einer Firma mit allen seinen Konsequenzen quasi als Sandkastenspiel nachzustellen versucht.

Aufzuklären versucht auch der Regisseur und Drehbuchautor Erwin Wagenhofer, indem er seinen aktuellen Film "Let’s make money" an Schulen zeigt. Zentrales Thema des Films ist die Umverteilung des Geldes von unten nach oben, eine gesellschaftspolitisch fatale Entwicklung.

Erwin Wagenhofer berichtete bei "Standpunkt", dass es in einer steirischen Schule zu heftigen Diskussionen zwischen Schülerinnen und Schülern einerseits und ihren Lehrkräften gekommen ist, weil die Jugendlichen wissen wollten, warum sie im Unterricht nicht über die Praktiken des Kapitalmarktes aufgeklärt werden würden.

Sich informieren und in Eigenverantwortung einen kritischen Zugang finden, das war das Fazit der Veranstaltung "Standpunkt". Die Gäste am Podium waren Barbara Amann-Hechenbeger von "Saferinternet", dem Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation, Alexandra Miladinovic, Schülerin des Bundesgymnasiums XII in der Erlgasse in Wien, Alexander Maly von der Schuldnerberatung Wien, Gerald Solic von den ATC-Übungsfirmen Österreich und der Regisseur und Drehbuchautor Erwin Wagenhofer (aktueller Film: "Let’s make money").

Hör-Tipp
Die Diskussion "Standpunkt" können sie im Ö1 Campus online nachhören: am 2., 3. und 4. Juni, von 19:30 bis 20:00 Uhr.

Mehr dazu in Ö1 Campus

Links
Saferinternet
Schuldnerberatung Wien
ACT (Servicestelle der Österreichischen Übungsfirmen)
Finanzportal
Finanzführerschein