Von Wurzellosigkeit, Einsamkeit und Hoffnung

Zum Wiedersehen der Sterne

In seinem Roman erzählt Dinaw Mengestu die Geschichte eines äthiopischen Einwanderers in Washington D.C. und dessen Liebe zu einer Universitätsprofessorin. Mengestu verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er kam als Kind aus Äthiopien in die USA.

Washington D.C. mag die Hauptstadt der USA sein, für die Populärkultur aber ist die Metropole mehr oder weniger unbedeutend. Filme, Fernsehserien und Romane spielen in New York oder Los Angeles, wenn es sein muss auch in Dallas, Miami oder Detroit. Aber Washington? Dort wird höchstens kurz hin geblendet, wenn Regisseure und Regisseurinnen zeigen wollen, wie in Hinterzimmern Politiker schmutzige Deals abschließen.

Dass Dinaw Mengestu seinen Roman in Washingtion D.C. ansiedelt, hat autobiografische Gründe; ist aber auch Symbol dafür, dass die Protagonisten seines Buches zwar im Zentrum des Landes angekommen sind, sich aber noch immer an der Peripherie herumschlagen müssen.

Alkohol und Striptease-Clubs

Im Mittelpunkt des Textes steht Sepha Stephanos. Er hat einen kleinen Laden, der mehr schlecht als recht läuft. Seine Freizeit verbringt er mit seinen zwei besten Freunden. Joseph, der aus dem Kongo kommt und Kenneth aus Kenia.

Sie trinken zu viel, reden zu viel und geben ihr schwer verdientes Geld in Striptease Lokalen aus. Es sind Gestrandete, junge Männer, die mit großen Ambitionen in die USA gekommen sind und nun feststellen müssen, dass das Leben nicht so abläuft, wie sie es sich erträumt haben.

Zuhause war alles besser

Stephanos Vater war in Äthiopien ein reicher und angesehener Mann. Doch dann kam die Revolution und alles änderte sich. Der Vater starb, und Sepha kam zum Onkel nach Amerika. Der lebte in einem Wohnblock außerhalb von Washington, der ausschließlich von Äthiopiern und Äthiopierinnen bewohnt wird. Niemand spricht hier Englisch, die älteren Frauen schlurfen in Hausschuhen und mit weißen Tüchern um den Kopf über die Flure, als wären sie auf den überfüllten Straßen von Addis Abeba. Die Gespräche drehen sich darum, wie schön es zuhause war und wie verkommen hier alles ist. "Zeit, Entfernung und Heimweh haben diese Frauen davon überzeugt, dass wir zuhause in Äthopien alle fehlerlos und moralisch vollkommen gewesen sind", schreibt Mengestu.

"Zum Wiedersehen der Sterne" ist ein Roman, der sich um die Frage dreht, wie Identität in einem Einwanderungsland konstruiert wird. Wer gilt als Fremder, wer als bereits angekommen? Was muss man tun, um als Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden?

Der Einwanderer und die Professorin

Wie fragil das Konstrukt ist, zeigt sich, als eine neue Frau mit ihrer Tochter in die heruntergekommene Gegend zieht. Sie ist reich, das erkennt man unter anderem daran, wie aufwendig sie das erworbene Haus renovieren lässt. Ihre Tochter ist aufgeweckt und freundet sich schnell mit dem Ladenbesitzer an. Und auch die Mutter scheint für den stillen Äthiopier Gefühle zu entwickeln.

Wenn Stephanos mit seinen afrikanischen Freunden herumzieht, dann ist er unter seines gleichen. Dann gibt es keine sozialen Unterschiede. Bei der Frau aber, alleinerziehende Universitätsprofessorin, wird Sepha seine Unzulänglichkeit schmerzlich bewusst. Was kann er - ein armer Einwanderer ohne Geld, Hoffnung und Perspektiven - einer Frau wie ihr schon bieten?

Familiengeheimnisse

In seinem ersten Roman hat Dianaw Mengestu seine eigene Geschichte verarbeitet. 1977 floh sein Vater aus Äthiopien in die USA, Dinaw und seine Mutter kamen drei Jahre später nach, da war das Kind gerade zwei Jahre alt. Anders als sein Protagonist ging es im Leben des Autors recht schnell bergauf. Von Chicago zog er nach Washington, wo er Literatur studierte.

Shibrew Stephanos heißt im Roman der Vater des Helden. Im wirklichen Leben war Shibrew Stephanos der Onkel von Dinaw Mengestu. Über ihn wurde in der Familie kaum gesprochen und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Als Dinaw an der Universität studierte, wollte er dem Familiengeheimnis auf die Spur kommen. Er sprach mit seinen Verwandten und fand heraus, dass der Onkel aus seinem Büro heraus in eine Militärbaracke in Addis Abeba verschleppt worden war. Eine Woche später erhielt Dinaws Vater einen Anruf, er solle den Toten abholen; er sei an Lungenentzündung im Gefängnis gestorben.

Als der Vater seinen Bruder holte, sah er jedoch, dass der Körper mit blauen Flecken übersät war. Ohne Zweifel hatte man den Mann geschlagen und misshandelt. Eigentlich hatte er vor, ein Tatsachen-Buch über diese Ereignisse zu schreiben, meint der Autor. Aber dann entschloss er sich doch, sie in einen Roman einzubauen.

Politik schwebt über den Köpfen

Und das ist gut so. Denn die reale Politik spielt in dem Text keine zentrale Rolle. Sie ist etwas Unfassbares, etwas, das über den Köpfen der Figuren schwebt und ihr Handeln definiert - bewusst oder unbewusst. Die Leser und Leserinnen folgen Sepha, wie er sich der Professorin und ihrem Kind annähert, wie sie sich wandeln und versäumen, wie er seinen Laden verliert und wie er um seine Identität ringt.

Viel passiert nicht, und trotzdem ist "Zum Wiedersehen der Sterne" ein ausgesprochen lesenswerter Roman. Einer, der klug komponiert und sehr gut geschrieben ist. Und ein Thema hat, das in Zeiten der globalen Flüchtlingsströme äußert aktuell ist: Wurzellosigkeit, Einsamkeit, Fremdheit - und die Hoffnung, dass an einem bestimmten Ort doch noch alles gut wird. Trotz allem.

Hör-Tipp
Ex Libris, Sonntag, 14. Juni 2009, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Dinaw Mengestu, "Zum Wiedersehen der Sterne", aus dem Englischen von Volker Oldenburg, Claassen Verlag

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Claassen Verlag