Kleiber, der Schwierige

Wer war Karl Keller?

Wer war Karl Keller? Der Mann, der die Berliner Philharmoniker abblitzen ließ. Nur nannte er sich, als er von diesem Meisterorchester gebeten wurde, das Erbe Karajans zu übernehmen, bereits Carlos Kleiber. Die Geschichte eines Schwierigen.

Charakterisieren könnte man Carlos Kleiber ohne weiteres mit Hilfe von Werktiteln von Hugo von Hofmannsthal: Vordergründig war er natürlich "der Schwierige", wenn man allerdings genauer hinsieht, so hat er sich wohl ebenso sehr als "der Unbestechliche" erwiesen. So war er ein Perfektionist schon bei den Vorarbeiten und bei den Proben.

Dass dann das Ergebnis nicht immer perfekt gelang, lag wohl vor allem an der Variabilität und Impulsivität seiner Zeichengebung, jedes Mal war etwas anders bei ihm und selbst die Geiger des letzten Pultes saßen auf ihren Stuhlkanten, um so schnell wie möglich auf das von ihnen erwartete Unerwartete reagieren zu könnten. Es gab nicht nur Spannung im übertragenen Sinne, mag meinte die Elektrizität zu fühlen, die von ihm ausging.

Kleiber-Zeitzeugen

"Schlagtechnisch war Kleiber ein Phänomen. Nichts war schulmäßig. Die Musiker konnten sich nie sicher sein, sondern waren immer auf dem Sprung, wussten nie, wie die nächste Takt aussieht", schreibt der Carlos-Kleiber-Biograf Alexander Werner (Verlag Schott, Mainz 2008) und weiter, "ein Orchester musste bei Kleiber sehr flexibel sein, spontan und bereit zu bedingungslosem Einsatz". Eine Biografie, die sich ausschließlich auf die Aussagen von Kleiber-Zeitgenossen, Kleiber-Kollegen und Kleiber-Partner sowohl auf der Bühne als auch im Orchestergraben beruft.

Andere Quellen blieben dem Autor verschlossen, wie Einsicht in das Familienarchiv durch die Kinder, was aus deren Sicht, bedenkt man die lebenslange Interview-Verweigerung des Maestro, durchaus konsequent scheint - zumindest im Sinne des Vaters. Dass auf diese Weise keine profunde Persönlichkeitsanalyse entstehen kann, ist verständlich. So konnte Alexander Werner mehr oder weniger nur ein Puzzle aus einer riesigen Zahl von Interviews zusammensetzten. Plattensammler werden überrascht sein von der umfangreichen Diskographie von fast 30 Seiten - die Mehrzahl der Aufnahmen besteht aus nicht autorisierten Mitschnitten.

Der Vater als Vorbild

Am 13. Juli vor einem halben Jahrzehnt ist Carlos Kleiber 74-jährig in seinem slowenischen Wohnort gestorben und auch dort begraben worden. Was seine Karriere betrifft, war der große Verweigerer - trotz seiner handverlesenen Auftritte - ein Weltbürger, seit 1980 österreichischer Staatsbürger, aber seit seiner Heirat mit einer slowenischen Tänzerin gelegentlich - abgesehen von seinem Münchner Hauptwohnsitz - auch in seinem slowenischen Ferienhaus in Konjsica wohnhaft.

Allerdings war seine Mutter keine - obwohl das Gegenteil gelegentlich kolportiert wurde - gebürtige Slowenin, sondern stammte aus Kalifornien. Der Vater, Erich Kleiber, ein lebenslanges Vorbild, war Wiener. Dennoch hat sein Sohn Carlos - gegen dessen Willen - eine Dirigentenkarriere begonnen. Damit das möglichst unbemerkt vonstatten gehe, hat sich der in Argentinien aufgewachsene Carlos anfangs das Pseudonym Karl Keller zugelegt.

Im Alter von 19 Jahren debütierte er in Potsdam. Erst nach dem Tod des Vaters (1956) begann eine kapellmeisterliche Ochsentour für den jungen Carlos Kleiber, diesmal unter seinem richtigen Namen: Nach einigen Korrepetitorenposten, führte der Weg über die Deutsche Oper am Rhein, wo er erstmals 1958 am Pult erschien, an die Zürcher Oper bis er - als letzte feste Stellung - die Position des ersten Kapellmeisters an der Württembergischen Staatsoper Stuttgart annahm.

Der Verweigerer
Dort endete 1968 die Laufbahn des Kapellmeisters Kleiber und es begann die Weltkarriere des Schwierigen gleichen Namens, eines enfant terribles der Opernhäuser und Konzertpodien. Und er betrieb eine drastische Reduzierung seines Repertoires auf einen, nun nennen wir ihn, Kleiber-Kanon. Das bedeutete: Nur mehr eine Handvoll Werke - bis an das Lebensende - sowohl im Orchestergraben als auch im Konzertsaal.

Ein Marketing-Credo nach dem Prinzip: Rarität bedeutet Wertsteigerung. Und sogar von dieser kümmerlichen Liste spiegelt sich im Schallplatten- bzw. DVD-Katalog nur ein kleiner Teil. An Bühnenwerken - "La Boheme", "Rosenkavalier", "Otello", "Carmen", "Tristan", nur ausnahmsweise "Elektra" - "Wozzeck", die Uraufführungsoper des Vaters, nicht zu vergessen, am häufigsten aber "Die Fledermaus" - und auf dem Podium - die "Zweite" und "Vierte" von Brahms aus Beethovens Oeuvre die Symphonien Nummer 4 bis 7 - ein wenig Mozart und Schubert (je zwei Symphonien), Haydns "Paukenschlag-Symphonie", das "Heldenleben" - und ein repräsentatives Johann-Strauß-Repertoire von zwei Neujahrskonzerten.

Hör-Tipp
Musikgalerie, Montag, 13. Juli 2009, 10:05 Uhr