Ein herrschaftliches Haus

Die Villa

In seinem Debütroman erzählt der frühere Verleger Reinhold Neven Du Mont von einer Villa und ihren Bewohnern. Der Roman spiegelt die Freude des Autors am Erzählen wider, am unaufgeregten Erzählen ohne Kunstgriffe oder Experimente.

Die Beerdigung von Elisabeth Lauterbach wird für Robert, den alternden Theaterkritiker, zu einer Begegnung mit seiner Vergangenheit, denn vor rund 50 Jahren hat er einen Sommer in der Lauterbach'schen Villa am See verbracht, wo er, der damalige Student, als Ferienjob die Bibliothek des verstorbenen Kunsthändlers Otto Lauterbach ordnen sollte.

Von diesem Sommer erzählt Reinhold Neven Du Mont in seinem Roman "Die Villa" - von einem Sommer, in dem Robert die Mitglieder der Familie kennen lernt, ihre Eigenheiten, ihre kleinen und großen Geheimnisse: "Es ist auch so eine Art Biotop, eine kleine Welt für sich", so der Autor, "und das betrachtet er mit offenen Sinnen, mit offenen Augen, aber er bleibt Chronist. Er ist ein Außenstehender. Er geht als ein anderer als er gekommen ist."

Viel Atmosphäre

Eine große, allem übergeordnete Handlung gibt es in dem Roman kaum. Vielmehr geht es um Atmosphärisches: um eine wohlhabende Fabrikantenfamilie am Beginn der 1950er Jahre, als die Nachkriegszeit bereits vorbei war und jene Aufbruchsstimmung herrschte, die später als "Wirtschaftswunder" bezeichnet werden sollte.

Mit viel Einfühlungsvermögen lässt Reinhold Neven Du Mont Robert erzählen, von Elisabeth, der Hausherrin, die versucht, die Familie nach den Kriegswirren wieder neu zu ordnen, von ihrer Halbschwester Martha, die nur für ihren Sohn zu leben scheint, von Elisabeths Kindern, dem arroganten und ständig schauspielernden Leon, der unsicheren Ingrid und dem pummeligen Backfisch Hanna. Dabei sprengt der Autor oft seinen selbst vorgegebenen Rahmen, wenn er Robert von Dingen berichten lässt, die dieser streng genommen gar nicht wissen kann, von den Gefühlen und Gedanken der Personen oder auch von der Vergangenheit der Familie, von Elisabeths Eltern und deren Leben in der Zeit vor dem Krieg.

"Natürlich stand für mich immer die Frage im Raum, woher weiß der Robert das?", fragt sich sogar Neven Du Mont, weiß aber die Antwort: "Nun gibt es in dem Buch eine - ja, auf bayerisch sagt man eine 'Ratschkattel', also eine Person, die gerne ausplaudert. Das ist die Agathe. Von der hört er so einiges. (...) Er nimmt aber nicht für sich in Anspruch, dass er in einem strengen Sinne der Chronist ist, der nun alles exakt und aufs Detail genau beschreiben muss."

"Öffne die Schleusen"

Diese ungewöhnliche Art des Erzählens entwickelt nach und nach einen ganz eigenen Reiz. Neven Du Mont ist in jedem Abschnitt des Romans glaubwürdig, ob er nun von Roberts Versuchen erzählt, den Familienmitgliedern näherzukommen, bis hin zur Annäherung zwischen dem Studenten und der um viele Jahre älteren Elisabeth, ob es um Elisabeths Bekanntschaft mit einem undurchdringlichen Geschäftemacher geht oder um das Werben Otto Lauterbachs um seine spätere Gattin Luise.

Reinhold Neven Du Mont hat mit seinem ersten Roman sozusagen die Seiten gewechselt. Viele Jahre lang war er selbst Verleger, leitete den Verlag "Kiepenheuer & Witsch", traf namhafte Autoren und musste die Werke anderer beurteilen. Ganz einfach war es vor diesem Hintergrund für ihn nicht, seinen eigenen Roman zu schreiben. Er habe es vermieden, während der Arbeit etwas anderes zu lesen als Sachbücher, sagt er - und er fand einen Weg, sich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen: "Als ich da mich in einer Situation wieder fand, die ich natürlich aus der Beziehung zu vielen Autoren kannte, nämlich dieses einsame Sitzen vor einem leeren weißen Papier, in dieser Situation habe ich mir damals gesagt, jetzt fang bloß nicht an, an jedem einzelnen Satz rumzukneten, sondern öffne die Schleusen."

Dezent und feinfühlig

"Die Villa" spiegelt die Freude des Autors am Erzählen wider, am unaufgeregten Erzählen ohne Kunstgriffe oder Experimente. Herausgekommen ist ein dezenter und feinfühliger Roman, der nicht mit großen Geschehnissen, sondern mit verschiedenen elegant gesponnenen und verknüpften Handlungsfäden aufwartet, und der ein atmosphärisch dichtes Bild einer vergangenen Zeit entwirft.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Reinhold Neven Du Mont, "Die Villa”, C. H. Beck Verlag

Link
C. H. Beck - Die Villa