Das Jahr der Flut

In ihrem neuen Roman inszeniert die kanadische Autorin Margaret Atwood eine düstere Welt: Totalitäre Konzerne beherrschen die Menschen. Gottesfürchtige Sektenmitglieder feiern den Tag des Maulwurfs. Orgasmuspillen sorgen für körperlosen Sex.

"Das hier war keine gewöhnliche Pandemie", sagt zu Beginn von Margaret Atwoods neuem, in der Zukunft spielenden Roman einer seiner Protagonisten.

"Man würde sie nicht nach ein paar hunderttausend Todesfällen eingedämmt und mit Biotech und Bleiche aus der Welt geschafft haben. Dies war die wasserlose Flut... Sie reiste durch die Lüfte wie auf Flügeln, sie brannte sich durch die Städte wie ein Feuer, sie verseuchte den Pöbel, brachte Terror und Gemetzel. Überall gingen die Lichter aus, Nachrichten kamen nur noch sporadisch: Sämtliche Systeme brachen mit dem Tod ihrer Betreiber zusammen. Alles sah nach Totalzusammenbruch aus..."

Keine Frage, was hier beschrieben ist, ist nichts weniger als eine Apokalypse, die Menschheitsdämmerung, der Super-GAU, der zu Tod und Verwüstung führt. Wie es dazu kommt, zur "wasserlosen Flut" im Jahre 25, wie die Gesellschaft aussieht, die diese Katastrophe heimsucht, schildert Margaret Atwood in ihrem Roman "Das Jahr der Flut". Die "wasserlose Flut", von der Margret Atwood spricht, ist keine zweite Sinftlut, sondern eine Pandemie, eine Seuche oder Virenerkrankung. Allerdings eine ganz besondere.

Körperloser Sex und Menschenfleischburger

Margret Atwood inszeniert in plakativen Farben eine Welt, beherrscht von riesigen Konzernen, nicht zuletzt Biotech-Unternehmen, und ihren totalitären Sicherheitsapparaten. Eine Welt, in der die Elite in Luxusburgen wohnt und die breite Masse, die "Plebsler", in Sinkhole, einem von Banden beherrschten Ghetto, in dem es synthetische Pflanzen und geklonte Tiere gibt, "Jungbioniere" und hybride Bienen als Cyborgspione, SolarSpace-Boutiquen und Holoautomaten, teuren "Tigerknochenwein" oder Krankheiten wie den "Stachelbiber-Spleiß", wo es OrgasPluss-Pillen für körperlosen Sex gibt und sogenannte "Geheimburger", Hamburger, die auch Menschenfleisch enthalten.

"‘Das Jahr der Flut‘ ist Fiktion; doch die allgemeine Richtung und viele Details sind beunruhigend nahe an der Wirklichkeit", schreibt die Autorin am Ende ihres Romans. Sie verwahrt sich gegen den Begriff "Science-Fiction" und spricht lieber von spekulativer Fiktion. "Das Jahr der Flut" ist kein Fantasyroman, es geht Atwood nicht um Marsmenschen, Roboter oder verrückte Zeitreisen. Sondern darum, den Zustand einer Welt weiterzudenken mit Rücksicht auf Entwicklungen, die längst Realität sind.

Düstere Zukunftsvisionen

Margaret Atwood, Tochter eines Insektenforschers und, nach Meinung der Kritik, die bedeutendste Autorin Kanadas, schrieb Kindheitserinnerungen, feministische und autobiografische Romane. Und düstere Zukunftsvisionen.

Im "Report der Magd", einem ihrer bekanntesten Bücher, entwarf sie Mitte der 80er Jahre das Bild einer Gesellschaft, in der skrupellose Machtausübung und zunehmende Entmenschlichung den Alltag bestimmen, die totale Überwachung und die Versklavung der Frau.

In "Oryx und Crake" von 2003 malte sie sich die Folgen aus von Umweltzerstörung und Genmanipulation. Eine Geschichte, an die ihr aktueller Roman anknüpft. Atwood schildert eine schlimme neue Welt, eine egoistische, gewalttätige, ökologisch ruinierte Gesellschaft, und sie schildert sie aus der Perspektive von zwei Frauen, Toby und Ren. Beide haben das "Jahr der Flut" überlebt und erzählen, in wechselnden Rückblenden, wie es zu jenem ominösen Jahr 25 kam, was vor dieser Katastrophe passierte.

Gottesgärtner feiern den Tag des Maulwurfs

Beide, die kämpferische Toby wie die Trapezkünstlerin Ren, hatten einst Zuflucht gefunden bei einer merkwürdigen Sekte: den Gärtnern Gottes. Auf dem Dach eines Hochhauses errichteten sie ihren "Felsen Eden", ihren Paradiesgarten. Die "Gärtner Gottes" propagieren eine alternative Lebensweise, leben in einer Kommune und sind überzeugte Vegetarier. Sie nennen sich "Adam" und "Eva", haben jeder eine fortlaufende Nummer und feiern "Das Fest der Archen", den "Tag der Bestäubung" oder den des Maulwurfs.

Sie halten pathetische Reden und singen salbungsvolle Lieder, sie pflegen "Einkehrtage", "Isolationswochen" und "Vigilien" und sehen es als ihre Pflicht an, "die Seelen der jungen Leute zu formen". Vor allem aber sehen sie sich als Auserwählte, als Propheten, die in Erwartung der nahenden Katastrophe wie Noah ihre Arche vorbereiten.

Für die Gottesgärtner sind Überbevölkerung und die Schlechtigkeit der Menschen der Hauptgrund für die nahende Katastrophe, aber auch das Wirtschaftssystem. "Die wasserlose Flut wird kommen, und alles Kaufen und Verkaufen wird ein Ende haben, und wir werden zurückgeworfen sein auf unsere eigenen Ressourcen inmitten von Gottes üppigem Garten", predigt der Gärtner namens "Adam Eins".

Geopfert für den Profit einer Minderheit

Auch Atwood kritisiert die Auswüchse eines entfesselten Kapitalismus - ohne freilich dem asketischen Sektierertum der Gottesgärtner zu huldigen. Margaret Atwood sieht eine große Gefahr in der Verquickung von Politik und Wirtschaft, von Regierungen mit großen Konzernen, mithin in einem System, das die Interessen der Mehrheit dem Profit einer Minderheit opfert.

Margaret Atwood gefällt sich nicht in der Rolle der Kassandra. Sie ist keine fatalistische Weltuntergangsprophetin, keine Pessimistin und schon gar keine gottesgläubige Idealistin, wie ihre verschrobenen Gärtner. In der aktuellen Situation sieht sie allerdings eine alarmierende Entwicklung: den Kontrollverlust der Politik zugunsten vermeintlicher wirtschaftlicher Prosperität.

UV-Mäntel und blaue Erektionen

Margaret Atwoods Roman endet im "Jahr der Flut", ausgelöst durch ein gentechnisches Experiment, das eigentlich den perfekten - den "vollendet schönen transgenen" - Menschen hervorbringen sollte. Herausgekommen ist eine Welt mit kaputter Ozonschicht, in der man UV-Mäntel tragen muss, und extrem heißer Sonnenstrahlung, mit Lebewesen wie Löwämmern oder MoHair-Schafen, mit neuen Kreaturen, die ein seltsames Summen von sich geben, riesengroße blaue Erektionen haben und über einen Geruchssinn für Östrogene verfügen.

Ob man das nun Science-Fiction nennt, blühende Phantasmagorie oder wirklichkeitsnahe Vision: Vieles von dem, was Margret Atwood hier beschreibt, bleibt oberflächlich, harmlos und mäßig spannend. "Das Jahr der Flut" ist kein dezidiert politischer Roman.

Er illustriert mehr, als dass er analysiert. Er konzentriert sich im wesentlichen auf das Treiben der seltsamen Gottesgärtner, wie Ren und Toby, Adam Eins und Burt, die Bockwurst, und ihre nicht immer aufregenden Spannungen, Beziehungen und Intrigen. So phantasievoll dieser Roman auch ist, so konventionell ist er doch auch. Er spricht von Horror, ohne wirklich Horror zu verbreiten.

Service

Margaret Atwood, "Das Jahr der Flut", ins Deutsche übersetzt von Monika Schmalz, Berlin Verlag

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