Aus den Fugen geratene Weltordnung
Das Zeitalter des Undenkbaren
Unsere Welt verändert sich so schnell, dass Erfahrung kaum mehr von Vorteil ist, meint Joshua Cooper Ramo. Er macht sich in seinem neuen Buch Gedanken darüber, wie wir mir der aus den Fugen geratenen Weltordnung umgehen können.
8. April 2017, 21:58
Was muss ein Außenpolitiker können? Früher war die Antwort darauf recht einfach. Er musste gut englisch und französisch sprechen, sollte über ausgezeichnete Kenntnisse der europäischen Geschichte verfügen, sowie über ein Verständnis für die Wurzeln der aktuellen Weltordnung. Dann stand einer Karriere im diplomatischen Dienst nichts mehr im Wege.
Heute sieht das ganz anders aus, ist Joshua Cooper Ramo überzeugt. Der ideale Anwärter sollte nicht mehr in der vorsichtigen Sprache der Diplomatie reden, sondern sich radikal ausdrücken. Die Person sollte in einem Bereich Erfahrungen gesammelt haben, in dem schnelle Veränderungen und Unberechenbarkeit an der Tagesordnung sind - sei es in China, im Internet oder im Bioengineering.
In China zu leben oder eine Web-2.0-Firma zu betreiben ist die perfekte psychologische Vorbereitung, da chaotischer Wandel und ständige Überraschungen die Norm sind.
Politik hinkt hinterher
Dass sich unsere Welt so schnell verändert, dass Erfahrung kaum mehr ein Vorteil ist, diese Weisheit gilt bei all jenen, die sich mit der modernen Gesellschaft beschäftigen, mittlerweile als Allgemeingut. In der Politik ist dieses Wissen jedoch noch nicht angekommen, beklagt der ehemalige Chefredakteur des "Time Magazins" Cooper Ramo. Die Weltpolitik werde noch immer von Eliten gestaltet, die sich in der Tradition der alten Staatslenker à la Metternich sehen. Fairness oder Umweltschutz spielen da keine Rolle. Für die Politiker ist es schwer zu akzeptieren, dass die Welt von Kräften geformt wird, die sie nicht verstehen oder die ihren Interessen diametral entgegengesetzt sind.
Wer beispielsweise an den unvermeidlichen Sieg von Demokratie und Kapitalismus glaubt, sollte für eine höhere Laufbahn in der Außenpolitik von vornherein ausscheiden."
Eingefahrene Routinen verlassen
Egal ob Wirtschaftskrise, Banken-Crash oder Terrorismus, diese Phänomene lassen sich mit den alten Mitteln nicht mehr bekämpfen. Was wir laut Cooper Ramo brauchen: Wachsamkeit, Klugheit und Flexibilität. Ramo will jene Kräfte stärken, die versuchen, eingefahrene Routinen zu verlassen und die Ebenen zu wechseln. Alte Rezepte bringen die Gesellschaften nicht mehr weiter, davon ist er überzeugt.
Bestes Beispiel: die nationale Sicherheit. Die Doktrin des Kalten Krieges war simpel. Da standen sich zwei bis auf die Zähne bewaffnete Supermächte gegenüber, die drohten, den jeweils anderen zu vernichten, wenn er angreifen sollte. Das Gleichgewicht des Schreckens verhinderte einen großen Krieg. Was aber, wenn man - so wie jetzt bei der asymmetrischen Kriegsführung - mit einem Gegner konfrontiert ist, der den Tod nicht fürchtet, sondern ihn ganz im Gegenteil anstrebt? Die heutige Gefahr für die Staatssicherheit geht von Gruppen aus, die nicht viel benötigen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
Die Flugzeugentführer des 11. September gaben für ihren Angriff auf die Vereinigten Staaten über eine Million Dollar aus. Die Kosten, einen ähnlichen Angriff zu verhindern - mit Polizei, Flughafensicherheit und anderen Systemen - kostet allein in den USA eine Million pro Stunde."
Da es unmöglich ist, sämtliche Bedrohungen abzuwehren, sollte man das auch gar nicht versuchen, meint Cooper Ramo. Vielmehr gehe es darum, die Gesellschaft resilenter machen. Resilenz bemisst sich für den Autor danach, wie viele Störungen ein System verkraftet, bevor es so grundlegend beschädigt wird, dass es nicht mehr in den alten Zustand zurückkehren kann.
Es geht folglich auch nicht darum, immer mehr Wissen anzuhäufen; vielmehr müssen wir unsere eigene Unwissenheit erkennen. Wir können nicht erwarten, künftige Ereignisse vorherzusehen, sondern müssen davon ausgehen, dass sie unerwartet eintreten.
Neue Denker
Überall sucht und findet Joshua Cooper Ramo die Protagonisten des Übergangs. Jene, die nach neuen Regeln spielen. Er beschreibt den Erfinder der Nintendo-Spielkonsole "Wii" genauso wie Kämpfer der libanesischen Islamisten-Organisation Hisbollah. Ersterer schaffte es durch Flexibilität, die Grenze zwischen realer und virtueller Welt aufzuheben; letzteren gelang es, trotz massiver Gegenmaßnahmen durch Israel zu überleben.
"Das Zeitalter des Undenkbaren" ist eine über weite Strecken spannende Lektüre. Joshua Cooper Ramo liefert unzählige Anekdoten und Geschichten über neue Denker, um die Kernthese seines Buches zu illustrieren.
In einem revolutionären Zeitalter der Überraschung und Erneuerung muss man lernen, wie ein Revolutionär zu denken und zu handeln.
Leider wirkt das Buch mitunter ein wenig unausgegoren. Vieles wiederholt sich und die ausgewählten Beispiele wirken doch sehr beliebig. Und Joshua Cooper Ramos Vorliebe, alles mit allem zu vergleichen, funktioniert ebenfalls nur bedingt. Es mag schon stimmen, dass sich alles permanent verändert und eine einfache Weltdeutung daher nicht mehr möglich ist, einen stringenten, übersichtlichen Text kann man aber auch in einer unübersichtlichen Welt verlangen.
Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Joshua Cooper Ramo, "Das Zeitalter des Undenkbaren. Warum unsere Weltordnung aus den Fugen gerät und wie wir damit umgehen können", aus dem Amerikanischen übersetzt von Henning Dedekind, Riemann Verlag
Link
Riemann - Das Zeitalter des Undenkbaren
