Das Buch gegen Nazis

"Das Buch gegen Nazis" ist ein Orientierungsbuch, eines, das zeigt, wie Rechtsradikale heute vorgehen - mit eindeutiger Popmusik im Internet etwa - und eines, das klarmacht, wie man seine Kinder gegen die Agitation der rechten Verführer wappnen kann.

Die Stadt Guben in Brandenburg, ein Abend im Februar 1999. Einige junge Männer hören gemeinsam Lieder der Neonazi-Band Landser. Dann ziehen sie los, um den algerisch-stämmigen Asylwerber Farid Guendoul zuerst durch den Ort zu jagen und ihn dann brutal zu Tode zu treten. In Deutschland beginnt eine Debatte über den Einfluss rechtsextremer Musik auf Jugendliche.

Mittlerweile ist die Band Landser rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilt und seit 2003 als kriminelle Vereinigung verboten. Ihre Lieder - sie heißen "Bomben auf Israel", "Kanacke verrecke" oder "Adolf Hitler, unser Führer" - sind bis heute hundertfach auf dem Videoportal Youtube zu finden. Unzensuriert und ungekürzt. Die Videos zeigen Hakenkreuzfahnen, den Hitlergruß und marschierende Soldaten. Der Zugang zur Musik und zu den Botschaften der verbotenen Band war wohl noch nie so einfach wie heute.

Einstiegsdroge Popmusik

Im "Buch gegen Nazis" beschreiben Holger Kulick und Toralf Staud, dass Musik für junge Menschen heute oft eine Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus ist.

Dort, wo sich Schüler sammeln, tauchen ältere Jugendliche auf. Sie verschenken dann mehr oder weniger eindeutige Propaganda-CDs oder laden zu einer Party mit "echt guter Musik" ein. Gerade Jüngere beeindruckt es, wenn sie von Älteren "auserwählt" werden, bei irgendwas dabei zu sein. Bei den Partys läuft dann oft tatsächlich gute Musik - populäre Songs gemischt mit solchen von Rechtsrockbands. Es gibt preiswerte Getränke und freundschaftliche Gespräche. Auf diese Weise wird ein Gruppengefühl erzeugt. Die politische Indoktrination erfolgt erst später - und in der Regel schleichend.

Rechtsextreme Musik ist heute das wirksamste Propagandamittel der Neonazis, das Internet ihr wichtigstes Medium. Auf Youtube finden sich neben Hunderten Songs von Neonazibands auch Werbefilme rechtsextremer Parteien und allerlei politische Agitation von Altnazis und Neonazis aus der ganzen Welt.

Neue Erscheinungsform

Die Bestandteile rechtsextremer Politik sind nach wie vor Rassismus, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und der Hass auf Andersdenkende; doch in seiner Erscheinungsform hat sich der Rechtsextremismus modernisiert. Der Rechtsextreme von heute spielt auf der Klaviatur der Popkultur und erschließt sich so eine ständig wachsende Gefolgschaft: Ob Hip-Hop, Metal, Techno oder folkloristische Liedermacher-Lyrik - von praktisch jedem Musikstil gibt es inzwischen eine rechtsextreme Variante. Und das braune Web 2.0 blüht.

Rund 1.000 rechtsextreme Seiten deutscher Betreiber zählt der Verfassungsschutz, besonders populär sind "Freie Netze" aus dem Spektrum der Neonazi-Kameradschaften und szeneeigene Medienproduktionen wie das "Netzradio Germania" oder "Volksfront Medien". Im Angebot sind Musikvideos und Mobilisierungsappelle für Demonstrationen, rassistische Nachrichtenspots im Stile der Tagesschau und Wahlwerbung, mitunter auch Unterhaltendes. Das Ziel der Propaganda wird dabei nicht verheimlicht: "Dieses System gehört ohne Prämie abgewrackt", heißt es auf einer viel genutzten Szeneplattform.

Das Phänomen verständlich gemacht

Wissen, Handeln, Erkennen: In drei Abschnitten und anhand von 70 Fragen wird im "Buch gegen Nazis" das Phänomen Rechtsextremismus verständlich gemacht. Der Band richtet sich an ein jüngeres Publikum, an interessierte Laien und an Menschen, die viel mit Jugendlichen zu tun haben. So erfährt man im "Buch gegen Nazis" etwa, welche Modemarken bei Rechtsextremen besonders populär sind, was man tun kann, wenn das eigene Kind in einen rechtsextremen Freundeskreis rutscht und wohin sich ausstiegswillige Neonazis wenden können.

Der Band stellt nicht den Anspruch eines wissenschaftlich tiefschürfenden Kompendiums. Es will eher praktisches Handbuch sein; eine Einstiegslektüre, die es nicht bei der Problemanalyse belässt, sondern Handwerkszeug zum besonnenen Handeln gibt. Zu Wort kommen Politikwissenschaftler, Historikerinnen, Jugendforscher und Sozialarbeiterinnen. Aus der Vielzahl der unterschiedlichen Perspektiven ergibt sich trotz der Kürze der einzelnen Beiträge ein recht differenziertes Bild des Phänomens Rechtsextremismus.

Gut recherchierte Analyse

Sehr oft kann man junge oder auch ältere Neonazis treffen, bei denen nie jemand versuchte, sie in detailliertem, leidenschaftlichem und durchaus auch anteilnehmendem Streit von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen. Wer adäquat auf Rechtsextremisten reagieren will, muss auch verstehen, dass sie zuallererst ein eher psychologisches Moment antreibt: eine gefühlte Notwehrsituation. Wer sich von Zuwanderung diffus bedroht fühlt, wird möglicherweise zum Nationalisten oder Rassisten. Aber wo jemand seine Existenz bedroht sieht, weil der Staat die Zuwanderung zulasse oder sie sogar als Waffe gegen ihn einsetze, da wächst die selbst geschaffene Legitimation von Gewalt.

Die Buchbeiträge setzen dort an, wo das Alltagswissen über Neonazismus und Rechtsextremismus in der Regel endet. Und mehr als einmal findet man sich unter einer fast naiv klingenden Kapitelüberschrift in einem flott formulieren, dichten und gut recherchierten Text wieder. Das "Buch gegen Nazis" ist ein gut gemachtes und sachlich fundiertes Handbuch, das Analyse und Anleitung zum Aktivwerden verbindet.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Toralf Staud, Holger Kulick, "Das Buch gegen Nazis. Rechtsextremismus - Was man wissen muss und wie man sich wehren kann", Kiepenheuer & Witsch

Link
Kiepenheuer & Witsch - Das Buch gegen Nazis