Aufstieg und Fall des Kommunismus

Stalin und Mao Tse Tung, Muhri und Berlinguer: Was ist vom Kommunismus übrig geblieben? Von jener politischen Heilsvorstellung, die im 20. Jahrhundert große Teile der Menschheit bewegte. Das ist die wesentliche Frage, die Archie Browns Buch aufwirft.

Was ist vom Kommunismus übrig geblieben? Das ist die wesentliche Frage, die Archie Brown, emeritierter Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Oxford und einer der namhaftesten britischen Kenner der Sowjetunion, in seiner neuen Geschichte des Kommunismus aufwirft. Und die Antwort, die er in auf den letzten Seiten seiner über 800 Seiten langen Studie anbietet, ist mehr als ernüchternd:

In Europa, wo der Kommunismus seinen Ursprung hat, ist kaum etwas von ihm geblieben. Noch Mitte der 1980er Jahre wurde die Hälfte der europäischen Staaten von marxistisch-leninistischen Parteien beherrscht. Heute regierend die Kommunisten nirgendwo mehr auf diesem Kontinent. Sowohl in Ost- als auch in Westeuropa sind die kommunistischen Parteien nur noch Schatten ihrer selbst. Sogar die Kommunistische Partei der Russischen Föderation, die noch in den 1990er Jahren die stärkste Oppositionspartei war, scheint am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Wechselvolle Beziehungen

In seiner Untersuchung konzentriert sich der Autor auf die Geschichte kommunistischer Parteien und Regime, von der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland bis zu den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in China. Er bemüht sich dabei um Vollständigkeit. Diese weitgehend chronologisch strukturierte Darstellung wird nur gelegentlich von analytisch gehaltenen Kapiteln - etwa über die grundlegenden Merkmale eines kommunistischen Regimes - unterbrochen.

Zu den Vorzügen der Studie zählt, dass Brown die einzelnen kommunistischen Parteien und Regime und ihr Verhältnis zueinander nicht durch einen abstrakten Vergleich sondern historisch, in der Darstellung ihrer oft wechselvollen Beziehungen zu verstehen versucht. Dadurch gerät weder die Abhängigkeit der meisten kommunistischen Parteien von Moskau aus dem Blick, noch die unterschiedlichen Ausrichtungen und verbitterten Konflikte, die nach 1945 die scheinbar monolithische Fassade des internationalen Kommunismus zu sprengen begannen.

Eigene Recherchen

Dass bei einem so ambitioniertem Projekt der eine oder andere Aspekt oder auch ganze Länder nur streiflichtartig beleuchtet werden, lässt sich kaum vermeiden; allerdings bleibt der Autor manchmal unter seinen Möglichkeiten, so dass etwa die Geschichte des kommunistischen Rumänien - immerhin das drittgrößte Mitglied des Warschauer Paktes - zu einer flüchtigen Skizze gerät.

Am spannendsten liest sich das Buch in den Abschnitten, wo der Autor aus dem Vollen schöpft und sich, wie etwa in den Kapiteln über die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg auf eigene Recherchen, Forschungen und Studien stützt. An dieser Stelle erweist sich Brown als Spezialist, der nicht nur erhellende Fakten und subtile Analysen liefert, sondern diese durch amüsante Anekdoten veranschaulicht.

Die Tatsache, dass die Sowjetunion in den (achtziger) Jahren von einer "Gerontokratie" geführt worden war, wurde durch den Tod der Parteiführer in so kurzen Abständen noch unterstrichen. (...) Als der bereits kränkelnde Tschernenko im Februar 1984 zum Generalsekretär gewählt worden war, kursierte in der Sowjetunion folgender Witz: "Das Zentralkomitee hat einstimmig den Genossen Konstantin Ustinowitsch Tschernenko zum Generalsekretär gewählt und kam überein, seine Asche an der Kremlmauer zu bestatten."

Mit Mythen aufgeräumt

Wohltuend wirkt sich auch der nüchterne und stets sachliche Ton aus, in dem der Autor mit den Mythen kommunistischer wie antikommunistischer Provenienz aufräumt. So etwa, wenn er gegen die Verklärung Lenins in manchen linken Kreisen nicht nur dessen unerbittlichen Fanatismus, sondern auch die zahlreichen grausamen Verbrechen anführt, die er anordnete.

Entschieden widerspricht er der antikommunistischen Vorstellung, das bolschewistische Regime sei unter der Mehrheit seiner Untertanen verhasst oder zumindest unbeliebt gewesen. Unter Hinweis auf die umfassenden soziologischen Erhebungen, die amerikanische Wissenschafter unter Flüchtlingen aus der Sowjetunion durchführten, kann Brown nachweisen, dass selbst unter Stalin viele Bürger der Sowjetunion das Regime geradezu verherrlichten.

Zuverlässige Gesamtansicht

Insgesamt bietet Archie Browns Geschichte der kommunistischen Parteien und Regime eine klar geschriebene, gut lesbare und durchaus zuverlässige Gesamtansicht des Kommunismus, die auch die wichtigsten Ergebnisse der neueren Forschungen einbezieht. Das vorauseilende Lob eines glänzend geschriebenen Standardwerkes scheint indes weit übertrieben. Dazu stützt sich die Studie allzu einseitig auf russische und englischsprachige Quellen und lässt etwa die wichtigen einschlägigen Studien der französisch- und deutschsprachigen Forschung fast völlig unberücksichtigt. Auch wirkt die Darstellung gelegentlich zu knapp und allgemein.

Nicht zuletzt scheint Archie Brown in erster Linie eine historische Darstellung der kommunistischen Parteien und Regime und weniger eine tiefer greifende Beurteilung und Analyse der geschilderten Ereignisse beabsichtigt zu haben. Damit bleibt seine neue Studie eine empfehlenswerte Gesamtdarstellung des Kommunismus - und dieser wird die Historiker des 20. Jahrhunderts noch einige Zeit beschäftigen.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Mittwoch, 16:00 Uhr

Buch-Tipp
Archie Brown, "Aufstieg und Fall des Kommunismus", aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer, Norbert Jurasitz, Hainer Kober und Thomas Pfeifer, Propyläen Verlag

Propyläen Verlag - Aufstieg und Fall des Kommunismus