Die Form der Kunstwerke
Nahe der Neige
In seinem neuen Buch setzt sich Michael Donhauser mit der Form von Kunstwerken auseinander. Er theoretisiert nicht, sondern beschreibt die Formen sehr genau: an Gedichten und Bildern, an einem Foto oder Video, und zuletzt an einem Musikstück.
8. April 2017, 21:58
Michael Donhausers Gedichte führen oft in die Natur. Doch damit ist noch wenig gesagt, denn weder bilden sie Natur ab noch wird Natur zum Symbol; auch das Reservoir der Mythologie wird nicht in die Natur hineinprojiziert. Meist ist es, wie Donhauser selbst im Gespräch sagt, eine bewegte Natur, und sie initiiert eine sprachliche Bewegung. Wenn diese Gedichte etwas lehren, dann ist es das genaue Hinsehen - aber nicht nur auf die Natur, sondern ebenso auf ihre eigene Form.
An dieser arbeitet Michael Donhauser lange und geduldig; seine Texte, sagt er, sind oft so lange umgestellt, ersetzt und ineinander geschoben, bis sie wiederum fast einfach erscheinen. Ein impulsives Schreiben oder die Umsetzung einer Impression - das ist Donhausers Sache nicht; und dennoch ist da ein Impuls, der lebendig ist bis in die letzte Fassung.
Das "träumende Horchen"
Im Buch "Nahe der Neige" hat sich Michael Donhauser mit der Form von Kunstwerken auseinandergesetzt. Aber nicht, indem er theoretisiert, sondern indem er Formen sehr genau beschreibt: an Gedichten und Bildern, an einem Foto oder Video, und zuletzt an einem Musikstück. Donhauser hat diese Kunstwerke nicht ausgewählt, um darüber zu schreiben, ihre Abfolge hat sich im Laufe der Zeit wie von selbst ergeben.
Am Anfang steht das Gedicht "Das öde Haus" von Anette von Droste-Hülshoff, an dem Donhauser vor allem eines interessiert: das "träumende Horchen als Ineins von Empfangen und Aufmerksamkeit".
Am Bild "Dienstmagd mit Milchkrug" von Johannes Vermeer interessiert ihn das Gleichgewicht von Evidenz und Rätselhaftigkeit, von Ruhe und Bewegung, Stillstand und Vergehen. Und am Schluss beschreibt Donhauser das subtile Verhältnis zwischen der Magd und dem Betrachter des Bildes:
... denn gerade dass die Magd sich unbeobachtet wähnt und doch beobachtet wird, ist das Vergehen, an dem der Betrachter teilhat, auch als selbstvergessener angesichts der Selbstvergessenheit.
Faszinierender Georg Trakl
Je mehr man sich hineinliest in die genauen und subtilen Beschreibungen Donhausers, umso mehr muss man an seine eigenen Gedichte denken, an das, was ihm wichtig ist und worum es in seiner Lyrik geht.
An Georg Trakls Gedicht fasziniert Donhauser vor allem das Gleichgewicht von Dynamik und Statik. Diesem Gedicht ist der längste Text des Buches gewidmet; in allen Einzelheiten werden das Mit- und Gegeneinander von Satz und Vers, sowie der irritierende Wechsel verschiedener Sprachgesten beschrieben. Und das ist nicht etwa Pflichtübung, weil Donhauser im Vorjahr der Trakl-Preis verliehen wurde; der Text ist auch gar nicht aus diesem Anlass entstanden. Trakl war für Donhauser mit 18 Jahren ein großes Lektüre-Erlebnis, bei dem er auf etwas stieß, wofür er selbst eine Sprache hatte. Heute fasziniert ihn vor allem die formale Leistung, die Trakl vollzogen hat. Wieder geht es dabei um Ruhe und Bewegung, um Absicht und Hingabe.
Erzählte Beschreibungen
Am Ende des Bandes steht ein kurzer Text über die litauische Komponistin Raminta Serksnyte. Ihr Orchesterstück "Glow" - Glut - beschreibt er als eine Musik, "die das Unerreichbare feiert, doch nicht als Mangel".
Michael Donhauser theoretisiert nicht, sondern er erzählt - aber nicht die Inhalte von Kunstwerken, sondern ihre Form. Das kann man nicht nacherzählen, ohne Subtilität und Genauigkeit zu beeinträchtigen. Am besten man bleibt bei den Worten Donhausers - und bei den Kunstwerken, die der schöne kleine Band auch abbildet. Und wenn man sich dann wieder zu Donhausers Gedichten begibt, wird man merken, dass man hier in die formale Welt dieser Gedichte eingeführt wurde - ohne dass einem das Schreckenswort "Einführung" je in den Sinn gekommen wäre.
Service
Michael Donhauser, "Nahe der Neige", Urs Engeler Editor
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