von Brigitte Schwaiger

Fallen lassen

Es sind die immer gleichen Muster, Rituale, die die Patientin durchläuft. Tag für Tag. Bei der Ergotherapie, beim therapeutisch verordneten Frühlingsspaziergang. Brigitte Schwaiger beschreibt ihr alltägliches Leben als Patientin in der Psychiatrie.

Hundert kleine weiße Tabletten

Verlässt eine Frau im Nachthemd das Frauenschlafzimmer, stößt sie zusammen mit einem aus dem nebenan liegenden Männerzimmer torkelnden unfrisierten halbnackten Mann. Speichel rinnt ihm von den Lippen…

So beginnt Brigitte Schwaigers autobiografische Schilderung ihrer Erlebnisse in der Psychiatrie, auf dem Wiener Steinhof. Die Senkrechtstarterin der österreichischen Literatur, die mit ihrem 1977 erschienenen Debütroman "Wie kommt das Salz ins Meer", reüssierte, erlebte in der Folge einen sehr schmerzlichen Absturz. Nach dem Roman, der zum Bestseller wurde und der sich im deutschsprachigen Raum hunderttausendfach verkaufte, wurden die folgenden Bücher von der Kritik nicht mehr so enthusiastisch aufgenommen. Die Verkaufszahlen ließen drastisch nach, psychische Krisen folgten, Erkrankungen, und schließlich die Einlieferung in die Psychiatrie.

Alltag in Mustern und Ritualen

Schwaiger beschreibt ihr alltägliches Leben als Patientin. Sie erzählt von ganz gewöhnlichen, banalen Dingen, gestohlenen Zigaretten, den Telefonaten mit Angehörigen von einem veralteten Apparat, der Beschäftigungstherapie beim Stricken. Es sind die immer gleichen Muster, Rituale, die die Patientin durchläuft. Tag für Tag. Bei der Ergotherapie, beim therapeutisch verordneten Frühlingsspaziergang. Immerhin, Schwaiger hat einen Bestseller geschrieben, sie ist eine der geachteten Patientinnen.

Aber das Schicksal, seelisch zu erkranken, kann jeden von uns treffen, ganz egal, aus welcher sozialen Schicht er stammt. So findet sich die Autorin in einer Runde, die von Drogenabhängigen über Akademiker bis hin zum Universitätsprofessor reicht - und alle sind sie durch das Stigma, das ihnen durch ihre Erkrankung anhaftet, gezeichnet. Sie durchleben das Dahinvegetieren in der Psychiatrie: Leben sehen, Sterben sehen. Medikamente nehmen, die die Dämonen im Kopf beschwichtigen. Es ist ein Leben zwischen Antidepressiva, Neuroleptika, den üblichen Psycholeptika.

Tagebuch als Hörspielmonolog

Die deutsche Schauspielerin Gundula Rapsch leiht in diesem Monolog der Autorin ihre Stimme und erzählt sehr berührend die Geschichte und die Erfahrungen der damals 28-jährigen oberösterreichischen Jungautorin Brigitte Schwaiger. Schwaigers Texte erschienen über Jahre hinweg im "Spectrum", der Wochenendbeilage der Tageszeitung "Die Presse". 2006 veröffentlichte schließlich der Czernin Verlag ihre Tagebucheinträge aus der Psychiatrie unter dem Titel "Fallen lassen" als Buch, mit dem sie auch endlich wieder an ihren frühen Erfolg anschließen konnte.

Für die vorliegende Produktion hat der Regisseur und Autor Lucas Cejpek Schwaigers Tagebuch bearbeitet und zu einem überaus dichten Hörspielmonolog umgestaltet. Dabei ist ein Hörstück von höchster Intensität entstanden, frei von Selbstmitleid, frei von Stilisierungen, ein Stück außergewöhnlicher Authentizität.

Zur Autorin

Geboren wurde Brigitte Schwaiger 1949 in Freistadt, Oberösterreich. Nach der Matura studierte sie zwei Semester Psychologie, Germanistik und Romanistik an der Universität Wien. Zwischen 1968 und 1972 lebte sie mit ihrem spanischen Ehemann auf Mallorca und in Madrid, wo sie Deutsch und Englisch unterrichtete. Während dieses Aufenthalts begann sie sich mit Malerei und Bildhauerei zu beschäftigen, bis sie schließlich 1973 wieder nach Österreich zurückkehrte und ein Studium an der Pädagogischen Akademie Linz begann.

Daneben war sie als Schauspielerin in Kellertheatern, als Regieassistentin beim ORF und als Sekretärin in einem Wiener Theaterverlag tätig. Ab Mitte der 1970er Jahre arbeitete Brigitte Schwaiger vorwiegend als freiberufliche Schriftstellerin. Nach ihrem Erfolg mit dem Romandebüt "Wie kommt das Salz ins Meer", verfasste sie zahlreiche Bücher, Stücke und Hörspiele.
Sie lebt und arbeitet in Wien, Freistadt und Madrid. Für ihre Werke erhielt sie unter anderem 1974 das Staatsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für Literatur, 1975 das Autorenstipendium des Dramatischen Zentrums Wien und 1984 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur.

Hör-Tipps
Hörspiel-Studio, jeden Dienstag, 21:01 Uhr

Die Hörspiel-Galerie, jeden Samstag, 14:00 Uhr

Buch-Tipp
Brigitte Schwaiger, "Fallen lassen", Czernin Verlag

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