Aktuelle Literatur beim Lesefestival

Bilanz der Rauriser Literaturtage

Wie seit 40 Jahren, so trafen sich auch heuer zu Frühlingsbeginn - von 7. bis 11. April - altbekannte und junge, unbekannte Autoren in der ehemaligen Salzburger Bergbau-Gemeinde in den Hohen Tauern.

Kulturjournal, 12.04.2010

Die Wirtshaussäle waren auch heuer derart brechend voll, dass Luftholen in den kurzen Pausen der acht insgesamt sechseinhalbstündigen Lesungen allein am Samstagabend zur Überlebensfrage wurde. Vor Sauerstoffmangel fahle Gesichter, gelegentlich ein Schwindelanfall, ja, ein bisschen erlitten will sie schon werden, die Literatur, die Rauris-Organisatorin Brita Steinwendtner ihrem treuen Publikum vorsetzt. Aber versäumen will man doch kein Wort. Rauris, dieses kleine Literaturfestival, ist längst Kult geworden bei Bücherwürmern und Freaks des Geschriebenen.

Autoren aus Malawi und der Schweiz

Julian Schuttings zartblaue Reflexionen über die Tauglichkeit des Vollmondes für sentimentale Gefühlstransfers, oder Marica Bodrozics weiblich-ruhige Betrachtung der Sterne hangen verträumt in der dicken Luft. Danach aber fuhr der junge Schweizer Arno Camenisch mit der Mistgabel rüde in den Boden des Schweinestalls. Auf Rätoromanisch und zugleich auf Deutsch ist dieses alpine Anti-Idyll geschrieben, diese herb-heroische Bestandsaufnahme über die Hierarchien auf der Alm, billige Allradautos, Schnaps-Exzesse und das Schweinehüten im 21. Jahrhundert.

Weit der Sprung und doch so nah: Zum ersten Mal in Österreich las der aus Malawi stammende Samson Kambalu aus "Jive Talker" (Dampfplauderer). Darin lässt er einen zwölfjährigen Nietzsche-Fan vom Leben zwischen Armut, Touristen, Hilfsorganisationen und Aids erzählen. Sprachlich nichts Neues aus Ostafrika, aber wenn der Humor dem Elend derart liebenswert ein Schnippchen schlägt, dann ist Rauris - und mit ihm die Literatur - um ein paar Seiten reicher geworden.

"Es gibt keine Alternative zur Lesung"

Tief durchatmen, die Luft ist kalt, der Schnee ist nah. Schnell ein Bier von der Kellnerin im Dirndl und rein in "Böse Schafe". So heißt Katja Lange-Müllers jüngstes, witzig-freches Buch über das Scheitern der Liebe auf Berlinerisch. Peter Esterhazys pfiffige K-&-K-Noblesse erleidet im kommunistischen Ungarn dasselbe Schicksal. Da ist an Schlaf nicht zu denken, auch nicht im kaum weniger überfüllten Nachbar-Wirtshaus, in das der ORF das Geschehen aus dem Hauptsaal per Videowand überträgt. Denn jetzt erst - in der fünften Lese-Stunde - waren die Quotenpromis aus Literatur und Pop angesagt.

"Ich bin kein Gegner der Literatur-Performance, aber zur klassischen Lesung, zum konzentrierten Hören und Aufnehmen von Texten samt Zwischentönen, gibt es keine wirkliche Alternative. Das funktioniert auch nach 40 Jahren", erläuterte Brita Steinwendtner, selbst seit genau 20 Jahren für die Literaturtage verantwortlich, im APA-Gespräch. "Beides verträgt sich ja auch gut, so ist es gerade der Facettenreichtum von Literatur inklusive ihrer Ränder, der Rauris zu dem gemacht hat, was es ist: ein Magnet für interessierte Menschen, die ein Abenteuer mit Sprache erleben wollen."

Und dafür hat nicht zuletzt Wolf Haas gesorgt. Zwar ist sein jüngster "Brenner"-Roman alles andere als sprachlich neu oder formal anders als die sechs vorangegangenen Detektiv-Geschichten, aber Haas ist auf der Bühne präsent wie ein guter Pop-Musiker, drückt wohldosiert auf die Tube, übertreibt nicht, aber packt sein Publikum entschlossen am Kragen, bis ihm der Atem stockt. So verpackt er jede textliche Kleinigkeit mit dem Mehrwert einer mitreißenden Literatur-Show, steigert die Auflage und unterhält in einer geradlinigen, präzisen und schnörkellosen Sprache.

Zum Abschluss Musik

Höhepunkt und Abschluss dieses Jubiläumsfestivals der gegenwärtigen Literatur war die Buchpremiere von Hubert von Goisern. Seine Reiseerzählung "Stromlinien" erscheint demnächst. Der Musiker erzählt darin von seiner Schiffsreise auf der Donau und dem Rhein, reihte Anekdote an Anekdote und plauderte sympathisch wie er eben ist.

Zuletzt griff der Goiserer zur Gitarre und zur Harmonika und prägte den 40. Rauriser Literaturtagen mit seinen Hits einen atmosphärisch angenehmen Abschluss-Stempel auf.

Text: APA, Red.