Mahlers Protektionen

Protektionshilfe, Unterstützung, Förderung - wer hat mitgearbeitet an Gustav Mahlers Karriere? Die Schwester, die für ihn den Haushalt besorgte, die Kritiker-Freunde, die seine Taten weitertrugen, die Dirigenten Mengelberg und Bruno Walter?

Mahler-Statements 1

Eveline Nikkels, Louis Eckstein, Knud Martner, Jens Malte Fischer und Helmut Brenner über Gustav Mahler

Wie machte Mahler seine Parade-Karriere vom böhmisch-jüdischen Fabrikantensohn zum Wiener Hofoperndirektor? Wie weit ist die Mahler-Forschung bei der Erforschung der Leistungen seiner Diener und Dienstmädchen, Kopisten und Kopistinnen?

Karriere macht man nicht allein

"Er ist jemand, der eine große gewaltige Dirigenten- und Direktorenkarriere gemacht hat, etwas, das man nicht ganz alleine machen kann", sagt Mahler-Biograf Jens Malte Fischer. Er hat taktisch strategisch geschickt agiert, als er seine Karriereschritte in der Presse veröffentlichte. Und doch: Er war ein Genie, das zu 90 Prozent alles sich selbst verdankt; die 10 Prozent Protektion, die unbedingt nötig waren, mussten dabei sein.

Es waren Menschen an seiner Seite, die ihm mehr gaben als er ihnen, aus welcher Motivation auch immer: weil sie das Genie in ihm erkannten, weil sie ihm helfen wollten, weil sie miteingeschrieben werden wollten in die Musikgeschichte.

Mahler-Statements 2

Eveline Nikkels, Louis Eckstein, Knud Martner, Jens Malte Fischer und Helmut Brenner

Verliebt bis zum Bruch

"Zu Natalie Bauer-Lechner hat er sich vielleicht nicht wirklich großherzig benommen", erkennt Helmut Brenner. "Er fühlte sich bedrängt durch sie, denn sie war ganz offensichtlich unsterblich in ihn verliebt. Aber das hätte man anders behandeln können. In ihren Erinnerungen, die eine der besten Quellen für Mahlers spontane Äußerungen sind, sieht man wie eng ihre Freundschaft mit Mahler war und wie sehr er ihr vertraute und sich ihr anvertraut hat. Über das Ende der Beziehung ist man dann umso mehr betroffen."

Mahler-Jünger

Die Mahler-Forschung spricht von Jüngern: Wer sind die Jünger, was tun sie für ihn? Wie wird man ein Mahler-Jünger, ab wann nennt die Musikwissenschaft jemanden einen Jünger?

Für Eveline Nikkels, holländische Mahler-Forscherin, sind es die Dirigenten Mengelberg und Walter: "Da ist einerseits Bruno Walter, Schlesinger, und andererseits Willem Mengelberg. Ich glaube Mengelberg hatte im ersten Moment, als er Mahlers Musik gehört hat, verstanden, dass dies ein Jahrhundert-Musiker war. Mengelberg war einer von denen, der wirklich Mahler geholfen hat, einen Weg in einem Land zu finden, das für ihn eigentlich völlig unbekannt war. Nämlich in Holland. Und die große Liebe, die wir in Holland zu Mahler haben, verdanken wir ja doch dieser Freundschaft der beiden Männer, die einander sehr geschätzt haben. Und die sich ebenbürtig fanden: Wir sind beide Dirigenten und haben ein großes Verständnis für Kunst und Musik. Im Gegensatz dazu stand Bruno Walter: Ich habe immer sehr das Gefühl gehabt, dass Mahler, am Anfangs wenigstens, den Bruno Walter als niedriger eingeschätzt hat, nicht auf der gleichen Ebene; später schon, als er erkannte: Das ist ein großer Kollege."

Einspannen und fallen lassen

"Das Thema 'Mahlers Karriere' könnte in ein modernes Managementbuch passen", sagt Helmut Brenner. Nach dem Motto: Wie plane ich eine Karriere? "Man muss sich das vorstellen ohne moderne Kommunikationsmittel, nur mit Hilfe des Briefes; Telefon gab's in dem Sinne ja nicht so. Er hat immer Leute gesucht, die partiell an einer Schraube drehen konnten. Und dann hat er diese Leute wieder fallen lassen: Journalisten etwa oder - das traurigste Beispiel - Natalie Bauer-Lechner. Er hat es verstanden, bestimmte Leute zu bestimmten Zeiten für sich einzuspannen, aber er hat sie dann auch wieder fallen lassen."

Service

Ausstellung, Gustav Mahler, Österreichisches Theatermuseum, bis 3. Oktober 2010, Ö1 Clubmitglieder erhalten ermäßigten Eintritt (EUR 2).