Tina Modotti im Kunst Haus Wien

Unter dem Titel "Tina Modotti - Fotografin und Revolutionärin" präsentiert das Kunst Haus Wien ab Donnerstag, 1. Juli 2010 eine umfangreiche Retrospektive der legendären, aber wenig beachteten Fotografin.

Mittagsjournal, 30.06.2010

Modotti kombinierte ihre Kunst mit politischem Engagement im Mexiko der 1920er Jahre: Vor allem ihre dokumentarischen Aufnahmen der mexikanischen Land- und Arbeiterbevölkerung erlangten Berühmtheit.

Heldin der Arbeiterbewegung

Den einen gilt sie als Heldin der Arbeiterbewegung, den anderen als Femme fatale: So umreißt Reinhard Schultz, Kurator der Ausstellung, die Persönlichkeit Tina Modottis. 1896 in Udine in einfachen Verhältnissen geboren, emigriert sie im Alter von 16 Jahren nach Amerika zu ihrem Vater und arbeitet zunächst als Modell und Schauspielerin.

In Los Angeles lernt Modotti den Fotografen Edward Weston kennen, wird dessen Modell und Geliebte. Die beiden ziehen nach Mexiko, wo Modotti von Weston das Fotografieren lernt. Die bisher umfangreichste Ausstellung von Werken Tina Modottis dokumentiert ihre künstlerisch fruchtbare Zeit im Mexiko der 1920er Jahre.

Der Weg zur künstlerischen Reife

"Die Ausstellung zeigt einen persönlichen Weg ebenso wie eine künstlerische Reifung. Sie integriert am Anfang starker fotografischer Einflüsse jener Zeit, sehr an Strukturen orientiert arbeitend, rückt dann der Mensch in den Mittelpunkt. Letztlich wird die menschliche Figur unter immer stärkerer Betonung der sozialen Verhältnisse zum Leitthema", erläutert Andreas Hirsch, Kurator des Kunst Haus Wien.

Nur kurze Zeit, von 1923 bis 1930, wirkte Tina Modotti als Fotografin. Bestand ihre Arbeit zunächst aus Architekturfotografie und Pflanzenstudien, so wandte sie sich später immer mehr den Menschen zu. Berühmt wurde ihre Serie über die "Frauen von Tehuantepec". Beachtung finden in der Ausstellung aber auch die weniger bekannten Aufnahmen, die Modotti von den Wandgemälden Diego Riveras gemacht hat - so wurde sie zur bevorzugten Dokumentaristin der Muralismo-Bewegung.

Mexikanische Renaissance

"Die Wandgemälde von Rivera, Siqueiros und anderen Malern - das ist das Kernstück von dem, was man die mexikanische Renaissance nennt", so Kurator Reinhard Schultz. "Das ist die Revolution im Bereich der Kultur. Die politisch-militärische Revolution in Mexiko von 1910 angefangen war ja 1920 bereits abgeschlossen, aber die kulturelle Revolution ging ja durch die gesamten 1920er in die 30er Jahre und ihr Kernstück war die Wandmalerei und das Werk von Diego Rivera. Und für Diego Rivera war Tina Modotti die einzige von ihm akzeptierte Fotografin seiner Werke."

Modotti dokumentierte in ihren Fotografien aber auch das politisch revolutionäre Mexiko und wird selbst Teil der Bewegung. 1927 tritt sie der Kommunistischen Partei bei und dokumentiert für die Revolutionszeitschrift "El Machete" das Elend in den Slums von Mexiko.

Präzise beobachtend

"Sie hatte von Anbeginn an einen sehr mitfühlenden, präzise beobachtenden Blick auf die Verhältnisse geworfen und war dann in ein Soziotop aus Künstlern und Revolutionären eingebettet in Mexiko City, wo sie sehr bald der Kommunistischen Partei Mexikos beitrat", sagt Hirsch.

Modotti machte Bekanntschaft mit den Maler/innen Xavier Guerrero und Frida Kahlo. Nach der Ermordung des mexikanischen Präsidenten Ortiz Rubio wird die Fotografin zunächst verhaftet und später aus Mexiko ausgewiesen. Damit endet auch ihr Weg als Fotografin, politisch bleibt sie in Europa weiterhin aktiv - etwa in der Sowjetunion und bei der antifaschistischen Bewegung im spanischen Bürgerkrieg. Der künstlerische und Lebensweg Tina Modottis kann bis 7. November im Kunsthaus Wien nachvollzogen werden.

Service

"Tina Modotti - Fotografin und Revolutionärin", 1. Juli bis 7. November 2010, Kunst Haus Wien, Ö1 Club-Mitglieder erhalten ermäßigten Eintritt (25 Prozent).

Kunst Haus Wien