Gil Scott-Heron, Musiker und Dichter

Überlebender aus einem untergegangenen Reich

In der Musik des US-Amerikaners vereinen sich Elemente aus Funk, Jazz, Soul und lateinamerikanischer Musik. Seine oft politisch und sozial bedeutsamen Geschichten, teils im Sprechgesang vorgetragen, werden als Vorstufe von Hip-Hop und Rap gesehen.

"The Revolution Will Not Be Televised"

Alte Forderungen, neues Publikum

Gil Scott-Heron ist wieder da, 17 Jahre nach seiner letzten Plattenveröffentlichung: grau geworden, zerbrechlich, fast transparent. Der Schatten jenes Mannes, der er einst war. "I'm new here" heißt seine aktuelle CD, die Ende 2009 auf den Markt kam. Bittere Ironie, denn Scott-Heron ist schon so lange dabei, dass er wie ein Überlebender aus einem längst untergegangenen "Black Power"- und "Black Panther"- Reich mit radikalen politischen Forderungen wirkt.

"Das erste Album, das wir je aufgenommen haben, hieß 'Small Talk at 125th and Lenox' Eine Anzahl von Gedichten und drei Songs. Es erschien mir somit logisch, noch ein Album mit einigen Gedichten und einigen Songs zu machen und damit neue Musikhörer mit mir und meiner Arbeit vertraut zu machen: Als Poet, als Sänger, und als eine Art Klavierspieler", erzählt Scott-Heron . "So schließt sich der Kreis und es beginnt etwas Neues. Es ist ja nicht so, dass ich neu wäre, sondern die Musikfans sind neu ... Ich war immer da und habe auf euch gewartet."

Zornige Stimme, schattenhafte Präsenz

Gil Scott-Heron war tatsächlich immer da: Mal als zornige, junge Stimme, die mit der Intensität von John Coltrane oder Archie Shepp wie ein verbaler Flammenwerfer Tiraden gegen Hassfiguren wie Ronald Reagan abfeuerte. Dann wiederum als schattenhafte Präsenz, die kaum mehr in Erscheinung trat, aber hinter den Kulissen mit einem gewissen Wohlgefallen verfolgte, wie nachfolgende Generationen von jungen Hip-Hop-Feuerspeiern seine Songs sampelten und seine Slogans zu Keimzellen ihrer eigenen kreativen Sprachverdrehungen machten. Musik als heilende Kraft des Universums. Jedoch: Am Anfang war das Wort:

"Als ich begann, habe ich Gedichte geschrieben, aber ich spielte auch Klavier und ich dachte mir Melodien aus, zu denen ich meine Texte vortrug", erzählt Scott-Heron, "so wurde ich zu einer unbestimmbaren Figur irgendwo zwischen allem. Ist er ein Dichter? Ein Klavierspieler? Ist er ein Arrangeur? In gewisser Weise war ich gesegnet, weil ich all diese Dinge konnte. Ich wurde ein Hybrid. Eine andere Art von Person, eine Person, die all diese Dinge versteht und an ihnen teilnimmt Anstatt die Nummer 12 bei den Sängern zu sein oder die Nummer 10 bei den Poeten, war ich einfach ich selbst."

Radikale Deklamationen, karge Musik

Gil Scott-Heron, geboren 1949 in Chicago, aufgewachsen in Tennessee, später in der Bronx, begann mit 13 zu schreiben. Noch bevor er die 20 erreichte, hatte er seinen ersten Roman "The Vulture" veröffentlicht. Dann trat der legendäre Jazz-Produzent Bob Thiele auf den Plan und ermutigte den jungen Dichter, Musik zu machen. Die erste Platte "Small Talk at 125th and Lenox" lief unter dem Label "A New Black Poet" und präsentierte vor allem radikale Deklamationen mit gelegentlicher karger Musikbegleitung.

Gil Scott-Heron ist in gewisser Weise ein Produkt seiner Zeit und gleichzeitig ein Solitär. Er lernte in seiner Jugend das Werk des Harlem-Renaissance-Poeten Langston Hughes und die Vitriol-Lyrik von LeRoi Jones kennen. Er stand dem Black Arts Movement nahe, das junge Afroamerikaner zum Schreiben ermutigte. Er begann seine künstlerische Laufbahn in einer Zeit, die vom Tod Martin Luther Kings geprägt war und von den heißen Sommern, als Watts, Harlem, Rochester, Detroit, Newark, Cleveland und viele andere Städte in Flammen aufgingen, und er machte sich eine Devise von LeRoi Jones zu eigen: "We want poems that kill!" - "Wir wollen Gedichte, die töten können!"

Viele Einflüsse, mittelgroße Hits

Was Gil Scott-Heron aber einzigartig machte, war, wie er die Fäden seiner unterschiedlichen Einflüsse zusammenzurrte und neu verknotete: die Trommeln und wütenden Protestschreie der Proto-Raptruppe Last Poets, die emphatischen Melodien des Consciousness-Soul der ausgehenden Sechziger Jahre, die Inbrunst der flammenden Saxophon-Soli des späten John Coltrane.

Die Siebziger und frühen Achtziger Jahre waren die große Zeit von Gil Scott-Heron und Brian Jackson. Zwar gelang ihnen nie ein richtiger Crossover-Hit, aber eine beachtliche Zahl mittelgroßer Brummer in den R&B-Charts.

Keine Revolution, viel Zeit

Das Problem für Gil Scott-Heron war mit dem Fortdauern seiner Karriere, dass die Revolution nicht nur nicht im Fernsehen übertragen wurde, sondern überhaupt nicht stattfand. Die vermeintlich vorrevolutionäre Situation der späten sechziger und frühen siebziger Jahre entpuppte sich retrospektiv betrachtet als Präludium zu einem reaktionären Backlash, der mit Ronald Reagan ein Gesicht, einen Namen und eine Stimme bekam. Gegen den feuerte Scott-Heron mit Re-Ron und "B-Movie" noch ein paar Verbalstakkati ab, doch danach geriet er zunehmend aus dem Gleichtakt mit den Zeitläufen.

Aggressives Polit-Sloganeering wurde von jungen zornigen Rappern übernommen, die auch die härteren Beats hatten. Der einstige "Pate des Hip Hop" ließ sich immer mehr Zeit zwischen seinen Veröffentlichungen, umgekehrt proportional dazu stieg dafür sein Drogenkonsum. Seit den 1990er Jahren war Gil Scott-Heron immer wieder wegen Kokainbesitz mit dem Gesetz in Konflikt geraten, in den frühen Nullerjahren musste er dafür dann in Rikers Island einsitzen.

"Ich hatte Kokain im Wert von 100 Dollar und sie fanden es in meiner Tasche im Flugzeug", sagt Scott-Heron, "also musste ich ins Gefängnis. Es ist kein Bullshit, was ich da erzähle. Ich habe das gemacht und ich wurde geschnappt. Ich musste da durch - meine Haushälterin schickte mir Geld und Bücher und Lebensmittel. Ich las die ganze Zeit, ich nahm ungefähr 20 Pfund zu. Ich arbeitete in einer Bücherei und in einer Turnhalle, wo ich die Sportgeräte verwaltete. Und dann kam ich nach Hause."

Neue Konfiguration, späte Wiedergeburt

Deprimierendes Ende einer afroamerikanischen Selbstermächtigungs- und Selbsterfindungsphantasie, könnte man sagen. Doch zum Glück war dem "schwarzen Bob Dylan", wie er in der Presse nicht ganz falsch und nicht ganz richtig genannte wurde, noch ein Dakapo vergönnt.

Richard Russell vom britischen Hipsterlabel XL Recordings wollte für Scott-Heron das tun, was Rick Rubin für Johnny Cash gemacht hatte: eine Neukonfiguration des Künstlers unter den soundpolitischen Bedingungen der Gegenwart, die Wiedergeburt der Musik aus dem Geist der Tragödie. Und so entstand "I'm new here", die beste Platte von Gil Scott-Heron seit mindestens zwei Jahrzehnten.

"Man hat uns immer vorgeworfen, unserer Zeit ein wenig voraus zu sein. Heute ist die Zeit vielleicht reif, um zu erkennen, wo wir damals hinwollten", sagt Gil Scott-Heron." Was wir heute machen, rechtfertigt, was wir damals taten, und wie wir immer noch weiterkommen möchten."

Service

Das Interview mit Gil Scott-Heron wurde am 8. Mai 2010 in den Studios von 98.3 superfly aufgezeichnet und wird am 18. Juli 2010 im Rahmen eines zweistündigen Specials in voller Länge auf 98.3 superfly ausgestrahlt.

Gil Scott-Heron
98.3 superfly