Briefe an Herrn S. - Teil 3

Die wortgewaltigen und mit pseudowissenschaftlichen Versatzstücken durchsetzten Briefe bilden eine groteske, aber in sich schlüssige Realität ab. Und zeigen, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, nicht mehr ist als ein auf Konventionen beruhendes fragwürdiges Konstrukt.

12. Brief an Herrn S.

Montag, 29. März 2010

Lieber Freund, Herr S.,

Ihre Frage, ob der Tod nicht das ideale Ende sei, gibt Anlass zur Sorge. Zunächst möchte ich Ihnen allerdings sagen, Herr S., dass es richtig ist, sich mit solchen Fragen an mich zu wenden, bevor Sie sie selbst beantworten, und dabei nicht den gesamten Horizont im Blick haben. Sie haben Recht, wenn Sie nun denken, dass auch ich die Gesamtheit nicht denken kann, ich möchte Sie aber an die Nebenwirkungen sämtlicher Medikamente, die ich Ihnen verschrieben habe, erinnern: "Häufig: ungewöhnliche Träume ... Gefühl der Entfremdung sich selbst und der Realität gegenüber". Sie könnten jetzt einwenden, Herr S., dass nicht Sie sich von der Realität, sondern sich die Realität von Ihnen entfremdet hat. Auch damit mögen Sie Recht haben, wir können aber nicht die Realität ins Irrenhaus einliefern (zumindest nicht solange die Realität keine Person ist), während Sie Zuhause bleiben und fernsehen. Und doch schätzen wir beide die Realität des Irrenhauses als notwendige Katharsis - diesen Umstand sollten Sie nie außer Acht lassen. Um Ihre Frage zu beantworten, kann ich Ihnen versichern, dass der Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das ideale Ende ist - zumindest nicht für Sie, mein guter Freund. Wie Sie wissen habe ich mich die letzten zwanzig Jahre fast ausschließlich damit beschäftigt, einen Algorithmus für die sichere Prognose des Verlaufs von Geisteskrankheiten zu finden (wofür ich letztes Jahr auch den Nobelpreis für Physiologie erhalten habe), und ich darf Ihnen schon verraten, dass sich die Ergebnisse der aktuellen Version meines Programms bestätigt haben. Der Code ist gefunden. Nun, mein treuer Herr S., ich habe Ihnen versprochen, Ihre Daten zukommen zu lassen, was auch passieren wird, sobald sie in eine lesbare Form verarbeitet worden sind. Heute soll es genügen, zu sagen, dass Ihre Geisteskrankheiten nicht zum selbst gewählten Tod führen werden - es ist anhand der Ergebnisse weiters gar nicht klar, ob Sie, Herr S., überhaupt sterben werden. Ich bin nicht sicher, ob Sie dieses Ergebnis freut.

Bevor ich diesen Brief schließe, möchte ich Sie nochmals darum bitten, mir keine Ausscheidungen mehr zu schicken. Ich habe, wie bereits angemerkt, ausreichend Material.

Ihr dienender
Herr H.

13. Brief an Herrn S.

Dienstag, 30. März 2010

Verehrter Herr S.,

es ist mir heute gelungen, die Maschine, die ich seit dreißig Jahren entwickle, in Betrieb zu nehmen: der Teilchenbeschleuniger. Jetzt beginnt wirklich ein neues Zeitalter, wir können nun wirklich die Wirklichkeit der Wirklichkeit nachweisen! Mein lieber Herr S., ich hoffe, Sie können meine Euphorie verstehen - meine Experimente haben auch für Sie einen großen Nutzen: mit der Hilfe meiner Maschine ist es mir nun möglich, den Ursprung sämtlicher Geisteskrankheiten zu entschlüsseln. Indem zwei Protonen auf Lichtgeschwindigkeit gegengleich beschleunigt und zur Kollision gebracht werden, können wir die Prozesse, die im Gehirn der Geisteskranken stattfinden, simulieren. Sie sind selbiger Natur. Geschätzter Freund, ich muss Sie allerdings noch um ein wenig Geduld bitten - bis ich Ihnen die exakten Ergebnisse präsentieren kann, müssen wir noch die Ergebnisse der von mir speziell entwickelten Computerprogramme abwarten. Die Computer werden uns sagen, was zu tun ist.

Nun, ich werde Ihnen unverzüglich die ersten Resultate zukommen lassen, sobald die Rechenprozesse abgeschlossen sind.

Ihr getriebener
Herr H.

14. Brief an Herrn S.

Dienstag, 13. April 2010

Bester Herr S.,

ich stehe am Rande des Abgrunds, ich habe seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen - die Ergebnisse sind absurd! Sie besagen, dass die Zeit immer schon rückwärts läuft, was bedeutet, dass wir immer schon die Ursachen mit ihren Wirkungen verwechselt haben. Ich war zunächst davon überzeugt, einen Fehler produziert zu haben (besser gesagt: die Computer), jedoch bestätigen sämtliche Gegenrechnungen die ersten Resultate. Das ist äußerst fatal, ich möchte zwar keine Panik erzeugen, aber es ist in der Tat äußerst fatal, die Fatalität kann nicht mehr überboten werden, es ist sozusagen der Idealzustand der Fatalität erreicht. Gäbe es eine göttliche Idee der Fatalität, wären unsere Resultate die Verwirklichung dieser Idee. Ich möchte Ihnen die technischen Details ersparen, nur die einzig logische Konsequenz soll Sie, mein Herr S., interessieren: meine Maschinen hätten damit nicht mehr den Zweck, sämtliche Geisteskrankheiten der Menschheitsgeschichte zu ergründen, sondern im Gegenteil, sämtliche Geisteskrankheiten der Menschheitsgeschichte gäbe es nur wegen meiner Maschinen. Können Sie sich das vorstellen? Ich nicht. Sie werden sich jetzt fragen, Herr S., ob ich diese Erkenntnis in die Berechnungen inkludiert habe - die Erkenntnis des rückwärtigen Verlaufs. Selbstverständlich habe ich das, und es ist der eigentliche Grund für meinen eigenen Sturz in den Abgrund: Sie werden es nicht glauben, Herr S., aber wenn ich diesen Umstand in meinen Berechnungen berücksichtige, erhalte ich genau das umgekehrte Ergebnis, dürfte damit aber diesen Umstand nicht mehr berücksichtigen, was mich wiederum zur Berücksichtigung des Umstands zwingt. Ganz richtig: ein Paradoxon. Verständlicherweise ist mein gegenwärtiger Geisteszustand dem entsprechend. Ich musste heute bereits 30mg Lorazepam zu mir nehmen und höre seit geschlagenen sieben Stunden in einer Dauerschleife France Gall: "Der Computer Nummer drei sucht für mich den richtigen Boy, und die Liebe ist garantiert für beide dabei...". Jetzt kommt sogar ein Putzwagen die Straße hinauf gefahren: links und rechts drehende Bürsten und Wasser, das herausspritzt. Eine spritzende Putzmaschine. Darin sitzt ein... es ist ein Mann, der am Lenkrad sitzt. Auch eine Maschine. Eine Putzmaschinenbedienungsmaschine, die die Putzmaschine mit Vollgas die Straße entlang peitscht, denn dahinter fährt die Rettung mit Blaulicht. Ich hoffe, sie kommt zu mir.

Ich melde mich bei Ihnen,
Ihr Herr H.

15. Brief an Herrn S.

Donnerstag, 29. April 2010

Geschätzter Herr S.,

ich sitze gerade vor dem Pavillon auf einer Bank, um Ihnen zu schreiben. Ich darf rausgehen - ich bin Arzt. Außerdem habe ich mich selbst eingeliefert, ich bin schließlich nicht gefährlich, meine ich. Im Gegenteil: die Gefahr umgibt mich in einer derart bedrohlichen Weise, dass ich Gitterstäbe um mich herum aufstellen musste, um mich vor dem Untergang zu schützen. Da bin ich nun, eingesperrt - genau wie Sie, mein lieber Freund, Herr S. Aber ich habe mich aussperren lassen, also ins Irrenhaus einliefern, wie ich Ihnen bereits einmal erklärt habe. "Sie machen eh immer das Richtige. In der Realität machen Sie alles richtig. Mit der Realität kommen Sie wunderbar zurecht." Das hatte die gute Frau Liebknecht (Sie kennen sie) immer zu mir gesagt. Ich weiß allerdings nicht, von welcher Realität sie gesprochen hatte. Ich weiß es nicht, Gott weiß es nicht, und der metaphysische Clown lacht - er lacht mich aus, und er lacht auch Sie aus, mein bester und treuer Freund Herr S.

Ihr Herr H.