Gesammelte Gedichte von Nelly Sachs

Die Dichterin Nelly Sachs gehört zu jenen Schreibenden, deren Worte ins kollektive Gedächtnis übergegangen sind, ohne dass wir sagen könnten, wann das genau geschehen ist.

Leider gehört diese Schriftstellerin, trotz des ihr 1966 gewährten Literaturnobelpreises und ihrem festen Platz im deutschsprachigen Literaturkanon, fast ein wenig zu den vergessenen Stimmen deutscher Sprache.

Ein Widerspruch liegt darin, aber auch ein wichtiger Hinweis - der schwedische Autor und Übersetzer Aris Fioretos hat ihn im Auftrag des Suhrkamp Verlages aufgegriffen und eine längst überfällige Werkausgabe vorgelegt, die nun dankbar von den offenbar über Jahrzehnte hinweg wartenden Lesern wahrgenommen wird.

Das mag zum einen am erschütternden Leben von Nelly Sachs liegen, aber auch und vor allem an ihren nach 1940 entstandenen Gedichten, an ihrer Sprache – die gleichsam automatisch die Rolle einer Menschheitszeugin übernommen hat.

Die Zeitlosigkeit und die Hoffnung

Es ist eine schmerzhafte Hinterlassenschaft, weil sie von einer der dunkelsten Epochen der Menschheit handelt. Zugleich ist in dieser Zeit der Verdunkelung nichts anderes so präsent wie die Zeitlosigkeit und die Hoffnung, zum Beispiel wenn es bei Sachs heißt: "Lasst uns das Leben leise wieder lernen." Oder wenn sie von ihrer Erfahrung der Flucht spricht und dazu anmerkt:

Wenn man selbst einmal auf der Flucht einen Stein gestreichelt hat, weil es das erste war, worauf man sich niederließ in einem freien Land – so hat man niemals mehr ein nahes Verhältnis zu allem, was nicht direkt dem Dasein dient.

Großbürgerlich aufgewachsen

Ihr Dasein hat mit einer durch und durch behüteten Berliner Kindheit begonnen: Ihr Vater war ein wohlhabender jüdischer Fabrikant, die Familie lebte in einer assimilierten jüdisch-großbürgerlichen Atmosphäre in Berlin-Schöneberg. Obwohl die junge Frau eine kränkliche Konstitution hatte und schon immer in Gedichten ihre emotionale Welt zu fassen versuchte, hätte sie doch niemals ahnen können, welches Schicksal auf sie noch wartete und auf welche tragische Weise sie zur Stimme der Stimmlosen werden würde.

Der Vater starb 1930 nach einem langen Krebsleiden und Nelly Sachs blieb mit ihrer Mutter allein in Berlin zurück. Weder sie noch ihre Mutter Margarete konnten damals das Undenkbare wissen, konnten nicht ahnen, dass man ihnen schon bald zum Beispiel das Sitzen auf einer Parkbank verbieten würde.

Wie es vermutlich für jeden ist, der einen anderen liebt, war der Tod des geliebten Menschen schon die Einlösung des Schlimmsten. Doch 1940 haben sich die Schmerzenskoordinaten von Nelly Sachs bereits vollkommen verschoben.

Im schwedischen Exil

Es waren nur zehn Jahre seit dem Tod des Vaters vergangen, aber alles war für Nelly Sachs anders geworden. Sie verließ mit ihrer Mutter mit einem der letzten Linienflugzeuge Berlin. Mutter und Tochter entkamen nur knapp dem Schicksal der Deportation. Dass die Familie Mietshäuser besaß, nutzte ihr im Exil wenig – die deutschen Mieter unterließen es einfach, ihnen die Miete zu zahlen und später enteignete man sie in der perversen Logik des nationalsozialistischen Regimes.

Im schwedischen Exil lebte Nelly Sachs mit ihrer Mutter Margarete in einem Zimmer unter den ärmsten Bedingungen. Wenn man heute an ihrem Geburtshaus im Berliner Stadtteil Schöneberg in der Maaßenstraße vorbeigeht, fragt man sich unweigerlich, wem es wohl jetzt gehört und wie und wann es in seinen Besitz gekommen ist. Und es ist schwer, dabei das Bild des kleinen Stockholmer Zimmers zu verdrängen, das voll von Blumen war, als sie auf die Nachricht des Nobelpreises mit ihren Freunden mit Champagner anstieß.

Der Schmerz der Geschichte

1940 wurde Stockholm Nelly Sachs' neue Heimat, aber blieb immer weit entfernt davon, ihr Erdung und Glück zu schenken, obwohl sie dankbar für ihre Rettung war. In Stockholm bekommt ihre Lyrik eine neue, existenzielle Bedeutung. Die Texte, die sie vor ihrem Exil schrieb, will sie nicht mehr als zu ihrem Werk zugehörig sehen.

Die Schoah, davon war sie überzeugt, habe sie zu der Dichterin gemacht, als die wir sie heute noch kennen. Und es gelingen ihr auch Gedichte, die vom Schmerz der Geschichte durchdrungen, aber niemals verweichlicht sind. Im Gegenteil, die früheren Manierismen in ihren Texten sind nun von einem ernsthaften hohen Ton abgelöst worden, der sich des Hallraumes religiöser Texte bedient.

Brücke zum Leben

Im Gedicht "Chor der Geretteten" zum Beispiel heißt es:

Wir Geretteten,
Immer noch hängen die Schlingen für unsere Hälse gedreht
Vor uns in der blauen Luft -
immer noch füllen sich die Stundenuhren mit unserem tropfenden Blut. (...)
Wir Geretteten
Bitten euch:
Zeigt uns langsam eure Sonne.
Führt uns von Stern zu Stern im Schritt.
Lasst uns das Leben leise wieder lernen.
Es könnte sonst eines Vogels Lied,
Das Füllen des Eimers am Brunnen
Unseren schlecht versiegelten Schmerz aufbrechen lassen
und uns wegschäumen.


Schreiben als Zuflucht wird bei Nelly Sachs im Exil noch mehr: Es wird ein Mittel und eine Brücke zum Leben.

Das Dasein einer Außenseiterin

Der Herausgeber Aris Fioretos betont in seinem Nachwort, der hohe Ton mancher Gedichte sei auf die Klagepsalmen zurückzuführen. Nicht nur die Beschäftigung mit den Schriften Martin Bubers, sondern auch ihre soziale Isolation führen dazu, dass der nächtliche Schreibakt ihr Außenseiterdasein noch mehr betont als es sonst bei Dichtern oft der Fall ist.

Die Erkrankung der Mutter lastet zusätzlich schwer auf ihr – tagsüber widmet sie sich ausschließlich ihrer Pflege. Es bleibt ihr nur noch die Nacht zum Schreiben. Zudem erhält sie Briefe und Auskünfte anderer in Schweden angekommener Flüchtlinge – die Schreckensnachrichten über die Vernichtung der europäischen Juden erreichen sie auf diesem Wege. So schreibt Nelly Sachs mehr und mehr im Namen der Opfer, in der Nacht, während die Mutter schläft; an ihrem kleinen Küchentisch in Stockholm.

Die Schatten der Vernichtung

Ihre ersten Gedichtbände erscheinen 1947 und 1949, sie tragen die Titel "In den Wohnungen des Todes" und "Sternenverdunkelung". Hier findet sich auch das Gedicht, das am meisten in Anthologien abgedruckt wird und in dem es heißt:

O ihr Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als ob Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft.


Der Echoraum der millionenfachen Ermordung ist hierin für immer eingefangen. "Obwohl der Rauch nicht mehr aus den Schornsteinen der Krematorien steigt", hält der Herausgeber in seinem Nachwort fest, "halten sich die Texte noch im Schatten der Vernichtung auf."

Immer ein Lächeln

Dennoch gibt es ein durchscheinendes Licht in Nelly Sachs' Gedichten, etwa jenes, in dem das Lächeln als gegenwärtig beschworen wird und in dem es heißt:

Das Lächeln ist hier.
Mein Volk, du hast das Lächeln verloren!
Es wird dir neu nach dem Tode geboren.
Nimm es; du bist dazu erkoren!


Ein anderes Gedicht - mit dem Titel "Und reißend ist die Zeit" - bewegt sich auch im Raum der Hoffnung und ist ihrem Vater gewidmet. Darin notiert die Dichterin:

Die Träne verschläft ihre Sehnsucht zu fließen,
aber die Liebe ist alle Umwege zu Ende gegangen
und ruht in ihrem Beginn.

Unerfüllte Liebe

Eine Kraft wird immerhin der Liebe noch vom lyrischen Ich zugetraut - aller Erfahrung von Leid und Schmerz zum Trotz. Aber im ganz konkreten alltäglichen Leben ist diese Kraft der Dichterin nicht immer gegeben. Ihr anderes großes Thema neben der Schoah ist eine unerfüllte und tragische Liebesgeschichte. Die Identität des von ihr geliebten Mannes ist bis heute nicht aufgedeckt worden, und es ist auch nicht in aller Eindeutigkeit nachweisbar, ob der Geliebte sie verlassen hat oder ob der Vater die Beziehung nicht gestatten wollte, weil es sich um einen geschiedenen Mann handelte.

Später hat Nelly Sachs seine Ermordung durch die Nazis miterleben müssen. Er ist der "Tote Bräutigam", von dem mit ungesehener Nachdrücklichkeit und Trauer in ihrer Lyrik die Rede ist.

Auch hier hilft ihr das Schreiben, da es ein Mittel ist, wie sie es selbst formuliert, "den Atem vor dem Ersticken zu retten".

Mit Paul Celan befreundet

Trauer, Schwermut und Not hören weder im Exil noch in der Nachkriegszeit für Nelly Sachs auf. Die Untröstlichkeit scheint ihr einziges Zeitmaß geworden zu sein. Als 1950 ihre Mutter starb, war Nelly Sachs selbst 60 Jahre alt – und lebte zum ersten Mal allein. Sie begann an Verfolgungswahn zu leiden und hielt sich oft in Sanatorien auf. Ihrem Freund, dem Dichter Paul Celan, schrieb sie, dass die Nazis sie noch immer verfolgten. Was einst reale Verfolgung und echte Gefahr war, ist nun in die Psyche und in den Körper der Dichterin so tief eingeschrieben, dass es zur Krankheit des Geistes wird.

Es erschüttert zutiefst und erscheint zugleich logisch, dass diese Dichterin am 12. Mai 1970 in Stockholm gestorben ist – an dem Tag, an dem ihr Freund Paul Celan in Paris bestattet wurde. Beide überführt der Tod nun in jene "Unsichtbarkeit", die ihren Werken so immanent war und über die Sachs schrieb:

In meiner Kammer
wo mein Bett steht
ein Tisch ein Stuhl
der Küchenherd
kniet das Universum wie überall
um erlöst zu werden
von der Unsichtbarkeit.

Lehrende der Worte

Wenn man ihre Gedichte kennt, dann erfährt man, was Teilhabe an der Unsichtbarkeit, Teilhabe am Leben und am Tod ist. Nelly Sachs ist die große Lehrende der Worte, weil sie so tief in sie abgetaucht ist, dass sie sich dabei ihren eigenen Wunsch erfüllt hat – sie ist eine Stimme geworden, "ein Seufzer für die, die lauschen wollen."

Der Suhrkamp Verlag hat mit dieser Werkausgabe eines seiner großen, wertvollen Projekte begonnen und damit vierzig Jahre nach dem Tod von Nelly Sachs ihrer Stimme zum Bleiben verholfen.

Service

Nelly Sachs, "Werke Band 1. Gedichte 1940-1950" und "Werke Band 2. Gedichte 1951-1970" Suhrkamp Verlag

Suhrkamp - Nelly Sachs