Kaiser von Amerika

Martin Pollack kennt man als Vermittler polnischer Literatur, als Übersetzer der Werke von Ryszard Kapuscinski und nicht zuletzt als Autor. "Nach Galizien" hieß sein erstes Buch anno 1984 und um Galizien geht es auch in seinem jüngsten Werk. Unter dem Titel "Kaiser von Amerika" schreibt er über "die große Flucht aus Galizien" am Ende des 19. Jahrhunderts.

Kultur aktuell, 06.09.2010

Emigranten aus Osteuropa

Sie träumten von einem besseren Leben in Amerika und sie machten sich auf den Weg. Am 14. Mai 1888 läuft der Liniendampfer "Suevia" in New York ein. Mit an Bord: der Flickschuster Mendel Beck, der Schneider Abraham Feld, Hersch Springer, Jossel Rabock und Hersch Lockspeiser. Sie kommen aus dem galizischen Dorf Lisko am San und sie sind die Vorboten einer riesigen Emigrationswelle, die nach und nach ganz Osteuropa erfassen wird.

Allein im Jahr 1888 sind mehr als eine halbe Million Menschen von Europa in die USA ausgewandert; Menschen, die wundersame Geschichten vom reichen Kontinent gehört hatten, wo das Geld auf der Straße liege. Die meisten waren Analphabeten, die die englische Sprache nicht beherrschten.

Ausbeutung und Menschenhandel

Martin Pollack interessiert sich nicht für das Schicksal der Galizianer "drüben", im gelobten Land Amerika, er erzählt von ihrer Herkunft. Er hat ein Buch über Galizien geschrieben, jenseits aller romantisierenden Mythen. Jahrelang hat er akribisch recherchiert, Archive durchforstet, historische Zeitungsberichte gelesen und Fotos gesammelt.

Nüchtern, unprätentiös und plastisch schildert Martin Pollack die Armut, vor der die Menschen geflohen sind und er schreibt über Ausbeutung, Mädchenhandel und über die, die sich an den Flüchtlingen bereicherten. Auswanderungsagenten hießen die Schlepper von anno dazumal und Arbeitsmethoden waren mehr als dubios: "Telegraf" nannten sie etwa eine blecherne Weckuhr, mit der sie vorgaben, mit dem Kaiser von Amerika zu kommunizieren, der sei nämlich zuständig für die Einreiseerlaubnis. Ein Bericht über einen Prozess gegen diese Agenten hat Martin Pollack vor ein paar Jahren auf das Thema aufmerksam gemacht. Der Prozess wurde schon damals als "Menschenhändlerprozess" bezeichnet, so Pollack, 64 Leute waren verhaftet und vor Gericht gestellt worden. Er habe schon damals die Parallelen zu den heutigen Zuständen gesehen, wie ungebildete Leute "ausgebeutet und über den Tisch gezogen werden".

Ablehnung vonseiten der Nativisten

Von Parallelen zu heute weiß Martin Pollack auch in dem Kapitel "Unerwünschte Fremde" zu berichten: "Es gab auch einen Widerstand innerhalb der Bevölkerung, die sogenannten Nativisten, Anglosachsen, die gesagt haben - vor allem als die osteuropäischen Juden kamen: Die Leute brauchen wir nicht, die stellen eine Gefahr dar – für die Gesundheit, für die Moral usw. Also auch hier die Argumente verblüffend ähnlich zu den heute gebrauchten."

Textfassung: Ruth Halle

Service

Martin Pollack, "Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien", Zsolnay Verlag

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