Freiheit

Seit Wochen ist Amerika im Franzen-Fieber - genauer gesagt, jener Teil der Nation, der noch liest. Am 1. September kam der neue Roman von Jonathan Franzen in den US-amerikanischen Buchhandel. "Freedom" heißt er und er wurde schon wochenlang vorab gehyped.

Neun Jahre ist es her, dass der heute 51-jährige mit dem Familienroman "Die Korrekturen" gefeiert wurde. Es war Franzens dritter Roman, der ihn berühmt gemacht hatte - rund drei Millionen Exemplare des Familienromans sind weltweit in Umlauf. Ein Familienroman ist auch Roman Nummer vier. 730 Seiten hat die deutsche Übersetzung, die am 8. September 2010 in den Buchhandel kommt. Und: "Freiheit" wird den hoch gesteckten Erwartungen gerecht.

Kultur aktuell, 08.09.2010

Gesellschaftspanorama der letzten 30 Jahre

"Wer sich in Familie begibt, kommt darin um." Dass dieser Satz von Heimito von Doderer auch im US-Amerika von heute seine Gültigkeit hat, das zeigt Jonathan Franzen in seinem neuen Roman. Anhand der Geschichte der Familie Berglund, einer typischen amerikanischen Mittelklassefamilie, entwirft er ein Gesellschaftspanorama der letzten 30 Jahre - mit den Mitteln des literarischen Realismus.

"Was mich letztlich antreibt", so Franzen, "das ist immer der Versuch, die Welt zu verstehen, mein eigenes Leben zu verstehen. Das was mich geprägt hat, ist meine Familie, und im Fall von diesem Buch auch meine ziemlich lange Ehe, die bereits seit vielen Jahren vorbei ist. Es sind Geschichten, die aus den erschreckendsten Bereichen meines Wesens kommen. Für mich war das ein Risiko."

Schwierige Jahre

Der Roman könne auch als bissiger Kommentar auf die Bush-Ära gelesen werden, erklärte Jonathan Franzen. Freiheit sei schließlich der am häufigsten missbrauchte Begriff dieser Zeit.

"Die ersten acht Jahre dieses Millenniums waren schwierig - zumindest für jene von uns, die nicht sehr konservativ sind", meint Franzen. "Eine ganze Reihe von Kriegen, wachsende Umweltprobleme, die Wirtschaftskrise und eine politische Hoffnungslosigkeit. Und auf der anderen Seite: schwierige Geschichten, die mit mir selbst zu tun hatten. Ich habe nach Wegen gesucht, diese beiden Bereiche zu verbinden. Wenn ich sagen soll, woher dieses Buch kommt: Ich habe völlig simpel begonnen. Ich wusste nur, wovon ich träumte und was mich erschüttert hat, wenn ich die Zeitungen las."

In den USA war das Erscheinen von "Freedom" von einem beispiellosen Mediengetöse begleitet. Das Nachrichtenmagazin "Time" hatte Franzen bereits vorab die Titelseite gewidmet, eine Ehre, die zuletzt vor zehn Jahren einem Autor zuteil wurde, nämlich Stephen King. "Great American Novelist" stand jetzt in fetten Lettern unter Franzens Foto und die großen US-amerikanischen Feuilletons stimmten in den Chor mit ein: "ein unvergessliches Porträt unserer Zeit" lobte die "New York Times", "brillant" meinte die "Washington Post" und der Kritiker des "New York Magazine" fand gar manche Sätze so schön, dass er sie auf kleine Spieße aufstecken und verschlingen wollte.

Verbindung zwischen Autor und Leser

Franzen selbst geht der ganze Trubel gegen den Strich, sichtlich - das zeigt nicht zuletzt eine kurze Videobotschaft, die auf Wunsch seines New Yorker Verlags im Internet platziert wurde. Genervt sieht Jonathan Franzen da aus, wenn er erklärt, dass ein Roman eigentlich die Aufgabe habe, uns an einen ruhigen Ort zu führen.

"Woran ich nach wie vor glaube, ist die einzigartige Fähigkeit des geschriebenen Wortes, die den einsamen Autor mit dem einsamen Leser verbindet", meint Franzen. "Und die Hoffnung dieses einsamen Lesers lindert die Einsamkeit des Autors und gibt ihr Bedeutung. Und umgekehrt."

Und zur titelgebenden Freiheit, die er meint, erklärt Jonathan Franzen: An einen Roman angekettet zu sein, das sei seine Idee von Freiheit, und er fügt hinzu: noch mehr als das. Es ist Glück.

Service

Jonathan Franzen, "Freiheit", aus dem Englischen übersetzt von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, Rowohlt Verlag

Rowohlt - Freiheit
McMillan - Jonathan Franzen