Natürliche Mängel

Nachdem 2006 Thomas Pynchons Roman "Against the Day" mit stattlichen 1.600 Seiten erschienen ist, gibt es jetzt ein weiteres Lebenszeichen des zurückgezogen lebenden Autors: "Natürliche Mängel" heißt Roman Nummer sieben.

Mittagsjournal, 15.09.2010

"Schwierige Lektüre" - dieses Etikett haftet bisher sämtlichen Romanen von Thomas Pynchon an. Jahr für Jahr wird er als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt. "Tolstoi der Popkultur" wurde er genannt und auch "Epiker der LSD-Generation".

Pynchon ist nicht nur einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren, er ist auch der geheimnisvollste. Seit mehr als 50 Jahren hat er sich nicht mehr fotografieren lassen, er gibt keine Interviews, meidet jeden Kontakt mit Journalisten.

Eine doppelte Sensation

Anzukündigen ist eine doppelte Sensation: Thomas Pynchon hat einen tatsächlich leicht lesbaren Roman geschrieben und Thomas Pynchon hat gesprochen - hörbar für ein großes Publikum. In einem Internet-Werbetrailer für sein neues Buch erklärt er - unterlegt von psychedelischen Rockklängen - kurz die Handlung seines neuen Romans.

Doc Sportello heißt der Protagonist des Romans. Er ist Privatdetektiv, ein Hippie der ersten Stunde und er ermittelt im Los Angeles des Jahres 1970 - unterstützt von regelmäßigem Drogenkonsum. "LSD Ermittlungen" liest man auf dem Schild an seiner Tür - das steht allerdings für Lokalisierung, Sicherheitschecks, Detektei. Doc jedenfalls wird von seiner Ex-Freundin aufgesucht, ihr neuer Geliebter, ein schwerreicher Immobilienspekulant, ist in Schwierigkeiten. Kurz darauf sind Ex-Freundin und ihr Lover spurlos verschwunden, Doc gerät in eine komplizierte Verfolgungsgeschichte und wird in einen Mord verwickelt.

Hippie-Kalifornien

Ein verrückter Computervisionär, Drogendealer, Agenten, Rocker, Kiffer und Surfer treten auf und eine Hauptrolle spielt ein Strand-Paradies im Hippie-Kalifornien. "Natürliche Mängel" ist ein ironisch-nostalgischer Ausflug in die Zeit von Love, Peace and Freedom und es ist ein richtiger Krimi.

Trotzdem: Es bleibt ein Rest von Zweifel: Mit populären Genres hat Pynchon ja auch in seinen früheren Romanen gern gespielt. Der Autor selbst empfiehlt: "Lesen Sie einfach das Buch."

Das "Wall Street Journal" hat einen Stimmerkennungsexperten engagiert und der hat bestätigt: Der da spricht, ist tatsächlich Thomas Pynchon, jener Thomas Pynchon, der am 8. Mai 1937 in dem kleinen Ort Glen Cove auf Long Island geboren worden war, der Physik und englische Literatur studierte, Matrose bei der US Navy war und als technischer Redakteur für Boeing gearbeitet hat - bis 1962. Danach tauchte er unter, ein Jahr später erschien sein erster Roman.

Bekannt ist, dass Pynchon verheiratet ist, mindestens einen Sohn hat und vermutlich in Manhattan lebt. Das Rätsel um seine Person ist mittlerweile Bestandteil der amerikanischen Populärkultur. Unter anderem hatte Pynchon Gastauftritte in drei Episoden der Zeichentrickserie "Die Simpsons". Zu hören war auch da nur seine Stimme, die Figur hatte eine Tüte mit einem Fragezeichen über den Kopf gestülpt.

Idealer Einstieg ins Pynchon-Universum

Gewiss ist jedenfalls, dass er sieben Romane geschrieben hat und dass sein jüngster auf manche Kritiker eine ganz besondere Wirkung hat: "Das Buch macht Spaß wie ein fetter Joint" lobte etwa die seriöse "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und Einigkeit herrscht darüber, dass "Natürliche Mängel" ein idealer Einstieg in das Pynchon-Universum ist. Angeblich sind sogar schon die Filmrechte verkauft. Und vielleicht lassen sich diesmal auch die Nobelpreis-Juroren von dem schrägen Thriller überzeugen.

Service

Thomas Pynchon, "Natürliche Mängel", Rowohlt Verlag

Rowohlt Verlag - Natürliche Mängel (mit O-Ton des Autors)