Leopoldo Lugones, Dichter

Er liebte Europa. Europa nahm ihn nicht zur Kenntnis. In seinem Werk und seinem Leben steckt, so sagt Jorge Luis Borges, die ganze Entwicklung der argentinischen Literatur. Und Argentinien selbst: modern, vielfältig, geheimnisvoll und ehrlich.

Wer war dieser von Jorge Luis Borges so geschätzte Leopoldo Lugones? Ein Kind bürgerlicher Herkunft, am 13. Juni 1874 geboren, streng katholisch und in militärischer Tradition erzogen, diszipliniert bis in die Fingerspitzen, neugierig, voll sprachlicher Experimentierlust. Er sollte, wie sein Vater, Offizier werden, doch seine Kurzsichtigkeit verhinderte diese Laufbahn.

Er wurde stattdessen ein "Mann des Wortes", Lehrer, Journalist, Historiker, Übersetzer, Kritiker, Sprachforscher. Und er wurde nie müde, die fundamentalen Grundlagen des Zusammenlebens, der menschlichen Gemeinschaft immer wieder neu zu überdenken - und die immer wieder neuen Ergebnisse seines Denkprozesses diszipliniert zu leben.

Ideologisches Chamäleon

So kam es, dass man Leopoldo Lugones interessiert und mit einem kleinen Anflug von Ekel als ideologisches Chamäleon betrachtete. 1890 bezeichnete er sich als Anarchisten. Dann war er Mitglied der Sozialistischen Partei, die ihn 1903 ausschloss, weil er den Präsidentschaftskandidaten der Konservativen unterstützte.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges unterstütze er die Alliierten, tendierte im Laufe der Jahre auf Grund seiner Studien zur argentinischen Geschichte immer mehr dazu, sein So-sein als Argentinier herauszustreichen - was ihn erst veranlasste, den faschistischen Militärputsch gegen den amtierenden Präsidenten Hipólito Yrigoyen zu unterstützen und ihn letztendlich dazu trieb, Selbstmord zu begehen: am 18. Februar 1938 leerte er ein Glas Whisky, das er mit Blausäure versetzt hatte, gemäß seiner Überzeugung "Herr ist der Mensch über sein Leben wie auch über seinen Tod".

Phantastische Erzählungen

So vielfältig wie seine Überzeugungen ist auch sein literarisches Schaffen. Jorge Luis Borges schätzte vor allem seine Poesie, deren kräftige Bilder - zum Beispiel die Zeile "Der blaue Berg duftete von Rosmarin, und tief im Felde pfiff das Rebhuhn" - bis heute gerne zitiert werden, ohne dass der Name des Dichters lebendig geblieben wäre.

Anders seine Prosa: Vor allem die phantastischen Erzählungen, in einem auffallend nüchternen Stil geschrieben, erwiesen sich für die nachfolgenden argentinischen Literaten als richtungsweisend. Die Erzählung "Yzur", die von der Besessenheit eines Affenbesitzers handelt, der seinem Tier das Sprechen beibringen will, gilt als erste Science-Fiction-Geschichte Argentiniens.

Leopoldo Lugones könnte man selbst auch als Besessenen bezeichnen: besessen von Worten. Eine seiner unvollendeten Arbeiten ist ein Lexikon der kastellanischen Umgangssprache, das - so Jorge Luis Borges - irgendwo im Buchstaben A stecken geblieben und voll von ungebräuchlichen Worten war.

Service

Buch Leopoldo Lugones, "Die Salzsäule. Die Bibliothek von Babel", Band 15, Edition Büchergilde

Wikipedia - Leopoldo Lugones